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Enzyklopädie

Literarisierungen

Werke verschiedener Autoren, in denen Zeugen Jehovas als Handlungsfiguren auftreten (Fotograf: Falk Bersch).

Es geht um Fiktionen aus dem Wirklichen. Autorinnen und Autoren nutzen Selbsterlebtes, Gehörtes und Gelesenes, um in literarischen Texten eigene Welten zu konstruieren. Mit diesen ästhetisch vermittelten Inszenierungen erinnern sie an Ereignisse aus der Vergangenheit, an Personen und Personengruppen und leisten auf ihre Weise einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis. Teil dieser in ihren literarischen Texten gestalteten Welten über den Nationalsozialismus sind auch Jehovas Zeugen (Bibelforscher). Sie erscheinen in den Werken der Überlebenden der NS-Zeit (1. Generation) und der Nachgeborenen (2., 3. Generation usw.). In erzählenden Texten treten Jehovas Zeugen als Handlungsfiguren gelegentlich auf, in Dramentexten deutlich weniger und fast gar nicht in der Lyrik. Die Autorinnen und Autoren kommen aus Deutschland und aus den (west-)europäischen Ländern. Viele Überlebende saßen während der NS-Zeit selbst im Gefängnis oder KZ, gingen in die innere Immigration oder (über-)lebten im Exil. In der Nachkriegszeit wohnten sie in der BRD, der DDR oder im Ausland. Die Generationen der Nachgeborenen nutzen, da sie über keine eigenen Erfahrungen verfügen, Zeitzeiteninterviews, -berichte, historische Darstellungen usw. für die Konstruktion ihrer literarischen Texte. Zu den Autorinnen und Autoren, in deren Texten Jehovas Zeugen auftreten, zählen: Grass, Semprún, Brecht, Antelme, Schwan, Langgässer, Wichert, Rinser, Richter, Apitz, Buber-Neumann, von der Grün, Lehner u.a. Trotz biographischer, generationeller, ideologischer und sozialgeschichtlicher Unterschiede, die ihr Gedächtnis jeweils prägen, eint sie alle die schmerzhafte Erinnerung an die NS-Zeit und der Versuch, auch Jehovas Zeugen in ihre Erinnerungstexte einzubinden. Auf Grund der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Jehovas Zeugen besteht für in der BRD erscheinende Texte häufig eine indirekte Zensur, in der DDR, bedingt durch ihr Verbot im Jahr 1950, eine massive und direkte. Ab Mitte der 1990er Jahre erscheinen auch zunehmend autobiografische Berichte von Zeuginnen und Zeugen Jehovas (Hollweg, Liebster, Schmidt, Engleitner u. a.). Ästhetischen Ansprüchen genügen diese Texte meist nicht unbedingt; dennoch sind sie als (historische) Quelle und Zeugnis dieser religiösen Opfergruppe und Religionsgemeinschaft von großem Wert. Die folgenden Bemerkungen beziehen sich vor allem auf Erzähltexte.

Zeugen Jehovas/Bibelforscher als Handlungsfiguren treten oftmals plötzlich und nur kurz zu ganz bestimmten Zeiten auf (1937/38; 1944/45). Die erzählten Räume, in denen sie sich bewegen, reduzieren sich auf einige wenige (häufig: Gefängnis, KZ). Zeit und Raum werden allerdings nicht ausschließlich durch den NS-Terror dominiert. Mit den auftretenden Zeugen Jehovas verbinden sich gelegentlich auch Gegenorte und Freiräume, die den Gedanken an eine andere und bessere Zeit wachhalten. Die Bibelforscher-Figuren der untersuchten Erzähltexte besitzen, was ihr Äußeres und ihre Eigenschaften betrifft, einen ‚typischen‘ und immer wiederkehrenden Merkmalssatz. Sie sind eindimensional, statisch und unvollständig konstruiert. Bezüge ergeben sich zum Typus des Sonderlings, des Außenseiters, des Narren und, auf religiösem Gebiet, zu Jesus Christus (z. B. als Heilige, Propheten, Märtyrer, Samariter und Sündenböcke). Jehovas Zeugen treten nur als Nebenfiguren auf. Sie sind kaum in den Handlungszusammenhang eingebunden und beeinflussen diesen auch nicht maßgeblich. Ihre Präsenz ist vor allem kompositorisch motiviert: Die kurzen Begegnungen mit den Protagonisten wirken als Kontrastfolie, vor der sich die Hauptfiguren deutlicher herausheben. Die Figurencharakterisierung erfolgt hauptsächlich außenperspektivisch. Ein Rederecht wird den Bibelforscher-Figuren kaum zugestanden, so dass sie ihre Meinungen, Gedanken und Gefühle nicht ausdrücken können. Sie sind vielmehr nur Objekte des Erzählens. Die Erzähler gehören meist einer bestimmten Wir-Gemeinschaft an und haben eine Monopolstellung inne, die es ihnen erlaubt, die Informationen über die Zeugen Jehovas strategisch zu steuern und zu kontrollieren. Ihr Blick ist einerseits fast immer distanziert und ein äußerlicher, andererseits nehmen sie positiv und/oder negativ wertend Stellung. Der enge Zusammenhang zwischen den Erzählern und den Autoren bewirkt, dass sie oftmals als verlängerter Arm der Letzteren auftreten. Trotz verschiedener Erinnerungsformen haben die Erzähltexte Gemeinsamkeiten: Die Erzähler/Autoren verstehen die Zeugen Jehovas nur selten. Sie deuten und werten deren Verhalten vor dem Hintergrund ihrer eigenen weltanschaulichen Position. Ihre Werturteile schwanken zwischen Wertschätzung und Unverständnis. Schwierig erscheint es, die Frage nach der poetischen Anerkennung/Missachtung auf dem Gebiet des literarischen Erinnerungsdiskurses zu beantworten. Das Urteil der Erinnerungstexte hält vielfach die Mitte zwischen diesen beiden Polen. Es kann nicht pauschal am Autor festgemacht werden, auch nicht unbedingt immer an seinem Gesamtwerk oder am einzelnen Text, zuweilen an einzelnen Strukturelementen, aber manchmal selbst dies noch nicht einmal.

Ambivalenz ist mit Blick auf Jehovas Zeugen das wesentliche Merkmal im literarischen Erinnerungsdiskurs. Sie zeigt sich auf fast allen Ebenen der Erzähltexte und scheint Ausdruck der Unsicherheit und der Schwierigkeiten im Umgang mit Jehovas Zeugen zu sein. Sowohl die Erzählinstanzen der erzählten Welten als auch die Autoren in ihrer jeweiligen Lebensrealität haben eine Gemeinsamkeit: Als Teil einer Wir-Gemeinschaft der ‚Guten‘ fällt es ihnen leicht, ihre Antagonisten, die Gemeinschaft der ‚Bösen‘, zu bestimmen. Schwierig wird die Einordnung der Zeugen Jehovas. Nicht auf der Seite der Erzähler und der Wir-Gemeinschaft stehend, aber noch weniger auf der der Feinde, fallen sie durch das Raster der Freund/Feind-Klassifikation. Sie irritieren, befremden und stören, da ihre Position uneindeutig und unbestimmbar ist. Diese liegt dazwischen, beinhaltet ein sowohl/als auch und weder/noch; sie verweist auf ein Anderes, Drittes und Fremdes.

Mit dem Wechsel von den Erzähltexten der Überlebenden hin zu denen der Nachkriegsgenerationen vollzieht sich der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis. Werden die Zeugen Jehovas in der Erinnerungsprosa der Überlebenden vereinzelt erwähnt, droht mit dem Übergang zur zweiten und mehr noch zur dritten Generation diese Opfergruppe und ihre Rolle während des Nationalsozialismus im literarischen Erinnerungsdiskurs verloren zu gehen. Allerdings gewinnen dafür andere Sujets (Alltag, Missionierungstätigkeit, Bluttransfusionen bei Minderjährigen usw.) im Hinblick auf sie an Bedeutung (z. B. bei Walser, Faschinger, Naipaul, Vargas Llosa, McEwan u. a.).

Nathan Schmidtchen, 2026

Literaturhinweis

Schmidtchen, Nathan: „Narren in Christo“. Jehovas Zeugen im literarischen Erinnerungsdiskurs Überlebender des Nationalsozialismus, Berlin und Heidelberg 2022.

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