Dortmund, Polizeigefängnis Steinwache
Adresse
Polizeigefängnis Steinwache in Dortmund (1928 bis 1958)
Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund (seit 1992)
Dortmund, Steinstraße 50 (früher Nr. 48), Deutschland
Informationen zum Ort
1906 wurde in Dortmund in der Steinstraße ein Polizeirevier eröffnet. Nach einer Erweiterung der Gebäude im Jahr 1928 ging ein vierstöckiges Polizeigefängnis in Betrieb.
Während der NS-Diktatur wurden in der Steinwache mehr als 65.000 Menschen inhaftiert und oft gefoltert. Darunter waren viele politische Gefangene. Die Steinwache diente ab 1938 auch als Sammelstelle für über 2.000 Juden aus Dortmund, die nach Osteuropa deportiert und später ermordet wurden. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges kamen viele Zwangsarbeiter wegen geringfügiger Vergehen in das als „Hölle von Westdeutschland“ bezeichnete Polizeigefängnis und von dort in die Konzentrationslager.
Auch Zeugen Jehovas litten und starben im Polizeigefängnis Steinwache. So wurde 1937 die Zeugin Jehovas Helene Gotthold während der Verteilung von Flugblättern denunziert, verhaftet und in der Steinwache so schwer misshandelt, dass sie ihr ungeborenes Kind verlor. Der Zeuge Jehovas Stanislaus Schwarz erlitt in der Steinwache so schwere Misshandlungen, dass er am 3. März 1937 dort verstarb. Sein Bruder konnte später in der Leichenhalle Würgemale an der Kehle des Zeugen Jehovas erkennen.
Nach dem Krieg diente das Gebäude zunächst weiter als Gefängnis. Von 1961 bis 1986 befand sich hier eine Notunterkunft für wohnungslose Menschen.
(Zürcher: Kreuzzug, S. 139–149, 179 f.; Günnewig: Gedenkstätte Steinwache Dortmund, S. 64.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Am 20. Juni 1937 machten Jehovas Zeugen die grausamen Verhältnisse in der Steinwache in Dortmund in einer spektakulären Aktion öffentlich. Innerhalb einer Stunde verbreiteten sie 69.000 Flugblätter mit dem Titel „Offener Brief - An das bibelgläubige und Christus liebende Volk Deutschlands“. Darin hieß es: „Es befindet sich in unseren Händen ein erdrückendes Beweismaterial von oben erwähnten grausamen Mißhandlungen der Zeugen Jehovas. Bei der Mißhandlung haben sich unter anderen besonders der Kriminal-Assistent Theiss aus Dortmund, Tennhoff und Heimann von der Geheimen Staatspolizei Gelsenkirchen und Bochum hervorgetan. Man hat sich nicht gescheut, Frauen mit Ochsenziemern und Gummiknüppeln zu mißhandeln. Für sadistische Grausamkeit bei der Mißhandlung von christlichen Frauen ist, wie erwähnt, besonders Kriminal-Assistent Theiss in Dortmund und ein Mann der Staatspolizei in Hamm bekannt.“
Auch in dem von Jehovas Zeugen 1938 veröffentlichtem Buch „Kreuzzug gegen das Christentum“ wurden die Zustände in dem Polizeigefängnis angeprangert, wenn es dort heißt: „Einige deutsche Staatsbeamte haben sich bei diesen Christenverfolgungen durch ihre unfaßbare Bestialität selbst ein Denkmal ewiger Schande gesetzt. Hier soll die Öffentlichkeit mit den Taten einiger dieser würdigen Vertreter des römisch-germanischen Inquisitionssystems bekanntgemacht werden. Besonders hervorgehoben hat sich der Dortmunder Gestapo-Kommissar Theiß. ... [Er schrie:] ‚Ihr könnt noch so viel an Hitler schreiben, ihr könnt noch so viel ins Volk rufen, daß wir euch mißhandeln, könnt auch sagen, daß wir euch auf vier Jahre ins Konzentrationslager schicken, wir dulden keine fremden Götter neben uns, wir werden euch zertreten. ... Ich bin der Scharfrichter von Dortmund. Ihr lernt alle noch Heil Hitler sagen!‘ Die Verhöre bei den Staatspolizeistellen erinnern an mittelalterliche Inquisitionsgerichte. Der zur Vernehmung vorgeführte Zeuge Jehovas erhält schon beim Eintritt in das Vernehmungszimmer Nackenschläge und Backenstreiche. Dann wird er aufgefordert sämtliche ihm bekannte Namen von Zeugen Jehovas zu nennen ... . Eine Wolldecke wird ihm nun über den Kopf geschlagen und festgehalten ... . Damit die Schmerzensschreie von den übrigen Gefangenen nicht gehört werden können, schaltet man in Dortmund den Radiolautsprecher ein ... Den Zeugen Jehovas wird immer wieder von der Staatspolizei erklärt, daß diese Mißhandlung mit Genehmigung der höchsten Regierungsstellen erfolgen und eine Beschwerde daher zwecklos sei.“ (Zürcher: Kreuzzug, S. 139–149, 179 f.)
Eine der schwer misshandelten Zeuginnen Jehovas war Klara Dietschi. Sie weigerte sich während der Verhöre, den Aufenthaltsort ihres Mannes Heinrich Dietschi zu verraten. Nach ihrer Entlassung musste sie Wochen in Bandagen eingewickelt liegen und litt zeitlebens unter den zugefügten Misshandlungen. (WTG: Jahrbuch 1974, S. 159 f.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frauen
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
- Klara Dietschi
- Helene Gotthold, geb. Nieswand
Männer
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
- Walter Gluske
- Friedrich Gotthold
- Heinrich Hupperts
- Hugo Höltermann
- Karl (Wilhelm) Kirsch
- Fritz Kutz
- Clemens Müller
- Karl (Hugo) Schurstein
- Stanislaus Schwarz
- Paul Wrobel
Gedenkzeichen
Am 14. Oktober 1992 wurde in dem ehemaligen Polizeigefängnis die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache eröffnet. Die ständige Ausstellung trug den Titel „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933–1945“ und thematisierte auch die brutale Verfolgung der Zeugen Jehovas. Ausstellungstafeln informierten über Friedrich Bicker, Peter Dippel, Fritz Kutz, Peter Kwasniewski und Paul Wrobel. Seit 2025 bis voraussichtlich 2032 ist die Ausstellung wegen einer Neukonzeption sowie umfangreicher Umbauarbeiten im Gebäude geschlossen. (Günnewig: Gedenkstätte Steinwache Dortmund.)