Schwerin, Heinrich-Mann-Straße 6
Adresse
Wohnhaus der Familie Tiesel und Wohnort von Erna Pien
Schwerin, Heinrich-Mann-Straße 6 (früher Orleanstraße 6), Deutschland
Das Haus existiert heute nicht mehr.
Informationen zum Ort
In der Wohnung von August und Emma Tiesel führte die Polizei nach dem Verbot der Religionsgemeinschaft 1933 Hausdurchsuchungen durch. Kurz nach dem Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR 1950 bekam Emma Tiesel eine private Warnung vor einer bevorstehenden erneuten Verhaftung. Sie handelte sofort und verließ nur mit ihrer Tochter Gisela und einer Handtasche die Wohnung. 30 Minuten später wurde die Wohnung von der Staatssicherheit aufgebrochen und besetzt, um die Bewohner bei der Rückkehr zu verhaften. August Tiesel versteckte sich noch einige Tage in Schwerin in der Hoffnung, irgendetwas vom Besitz der Familie retten zu können. Vergeblich, er folgte nur mit den Sachen, die er seit Tagen am Körper trug, nach West-Berlin. Dort als Flüchtlinge angekommen, musste sich die Familie ein neues Leben aufbauen. (Wilhus/Dunken/Palm: Stolperstein Emma Tiesel.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Emma Tiesel fungierte nach dem Verbot 1933 als Gruppenleiterin der Zeugen Jehovas für den Bereich Schwerin. An die Wohnadresse der Familie wurde die verbotene Literatur der Zeugen Jehovas aus dem Ausland geschickt und es fanden in dieser Zeit auch geheime Zusammenkünfte statt. In Emma Tiesels Strafakte ist zu lesen: „Die Beschuldigte gilt als besonders eifrige Förderin der IBV und hat durch die Abhaltung der Versammlung und die Annahme der Literatur gegen das Verbot verstoßen.“
Zum Kriegsende 1945 nahmen die Tiesels trotz der eigenen Not ihnen persönlich unbekannte Zeugen Jehovas auf, die auf dem Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen nach Schwerin gelangt waren. Sie päppelten die halb verhungerten ehemaligen Häftlinge mit dem Kochwasser von Kartoffeln auf, bis diese wieder feste Nahrung zu sich nehmen konnten.
Gedenkzeichen
Am 25. September 2024 wurde für Emma Tiesel ein Stolperstein am ehemaligen Wohnhaus in der Heinrich-Mann-Straße 6 in Schwerin durch Gunther Demnig und die Stolperstein-Initiative-Schwerin verlegt. Dies ist der erste Stolperstein für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Das auf dem Stein zu findende Datum der Verurteilung durch das Sondergericht Schwerin stellte sich im Nachhinein als unkorrekt heraus. Emma Tiesel wurde am 1. März 1937 in Schwerin verurteilt. (Bersch: Stolperstein erinnert an eine Zeugin Jehovas.)