Gustav Stange
- Vorname(n)
- Gustav
- Nachname
- Stange
- Geburtsdatum
- 24. Oktober 1903
- Geburtsort
- Oppenweiler, Deutschland
- Todesdatum
- 20. Februar 1942
- Verfolgungsbedingte Todesart
- hingerichtet, erschossen
- Beruf
- Schuhmacher
- Erstkontakt und/oder Taufe
- Zeuge Jehovas ab 1933
Biographische Orte
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Wohnort(e)
Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus
- Emma Stange, geb. Scholl (Ehefrau)
Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus
Gustav Stange, genannt Gustl, wuchs als Sohn des Tagelöhners Friedrich Stange und dessen Frau Karoline, geborene Kleinknecht, in Oppenweiler im Kreis Backnang auf. Später wohnte er in Stammheim. Er erlernte das Schuhmacherhandwerk und arbeitete in der Schuhmacherei Schlegel in Stuttgart-Heslach, wo er als sehr tüchtig und beliebt bekannt war. Im Jahr 1931 heiratete er die aus Gemmrigheim stammende Emma Scholl. Das Ehepaar schloss sich 1933 den Zeugen Jehovas an. Sie unterhielten eine enge Freundschaft zur Familie Knöller in Simmozheim. Nach dem Verbot der Gemeinschaft trafen sich die Gläubigen aus der Gegend auch beim Ehepaar Stange in Stammheim zu Bibelbesprechungen. Dabei wurden auch Fragen der Wehrdienstverweigerung erörtert.
Am 15. Januar 1942 erhielt Gustav Stange die Einberufung zum in Baden-Oos stationierten Landesschützen-Ersatzbataillon 5. Er fuhr zum Wehrbezirkskommando Ludwigsburg und erklärte dort, dass er als Christ keinen Wehrdienst leisten könne und auch nicht den Eid auf Adolf Hitler ablegen werde. Der 39-Jährige wurde daraufhin festgenommen, kam zunächst in die Militärarrestanstalt Ludwigsburg und anschließend in die Standortarrestanstalt nach Stuttgart, deren Lage bisher noch nicht ermittelt werden konnte. Bereits am 20. Januar 1942 kam er vor das Gericht der Division z.b.V. 405, das in der Feuerbacher Heide 40 in Stuttgart tagte.
„Bei der Kriegsgerichtsverhandlung sagte ihm der Hauptmann: ‚Was würde denn, wenn es alle Leute so machen wie Sie?‘, worauf er die Antwort gab: ‚Dann wäre der Krieg gleich zu Ende‘!“
Der stellvertretende evangelische Standortpfarrer von Stuttgart, Rudolf Daur, besuchte, auf die Bitte einer Tante, Gustav Stange in der Haft und begleitete ihn sehr einfühlsam zur Verhandlung vor dem Kriegsgericht und bis zur Hinrichtung. Daur berichtete 1950 in einer Stellungnahme zum Wiedergutmachungsverfahren: „Herr Stange ist mir in lebendiger Erinnerung. Er gehörte zwar zu den ernsten Bibelforschern, also eigentlich nicht zu den Soldaten, denen seelsorgerlich beizustehen ich als stellvertretender evang. Standortpfarrer beauftragt war. […] Ich bin öfter bei ihm gewesen und habe diesen aufrechten, tapferen, innerlich frommen Mann besonders hoch schätzen gelernt. Er lehnte aus Gewissensgründen den Kriegsdienst radikal ab, lehnte insbesondere ab, einen Eid auf Adolf Hitler zu leisten. […] Bei der Kriegsgerichtsverhandlung sagte ihm der Hauptmann: ‚Was würde denn, wenn es alle Leute so machen wie Sie?‘, worauf er die Antwort gab: ‚Dann wäre der Krieg gleich zu Ende‘!“ (Brief von Rudolf Daur vom 15.12.1950, zit. in Hartmann: Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich, S. 69 f.)
In diesem Fall sprach das Kriegsgericht das Todesurteil wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ aus. Es wurde am 18. Februar 1942 bestätigt und die Hinrichtung für den 20. Februar festgelegt. Am Tag der Hinrichtung besuchte Rudolf Daur Gustav Stange im Militärgefängnis, um ihn auf seinem letzten Gang zu begleiten. Die Hinrichtung fand um 8:41 Uhr auf der Schießbahn Dornhalde in Stuttgart-Degerloch statt.
„Auch heute Morgen, als ihm eröffnet wurde, dass die Vollstreckung bevorstehe, blieb er vollkommen ruhig, kleidete sich um, packte seine Sachen, pünktlich und sorgfältig, als ob er eine Reise antreten sollte.“
Daur schrieb anschließend an Emma Stange: „Es fällt mir sehr schwer, Ihnen diesen Brief zu schreiben, aber ich weiss, dass Sie alles, auch das Schwere und Schwerste aus Gottes Händen nehmen, und ich vertraue ihm, dass er Ihnen auch jetzt die Kraft geben wird, Ihren Weg im getrosten Gehorsam gegen ihn weiterzugehen. […] Ich besuchte ihn gestern wieder und saß ziemlich lange in herzlich-brüderlichem Gespräch mit ihm zusammen. Ich durfte ihm nicht sagen, dass ich wusste, dass heute das Urteil vollstreckt werden würde, aber er war ja so gefasst, gelassen und getrost, dass man nur staunen und Gott dafür danken konnte. Auch heute Morgen, als ihm eröffnet wurde, dass die Vollstreckung bevorstehe, blieb er vollkommen ruhig, kleidete sich um, packte seine Sachen, pünktlich und sorgfältig, als ob er eine Reise antreten sollte; wir beteten noch zusammen, er schrieb beiliegendes Kärtchen an Sie. Ich hatte es ihm zu diesem Zweck mitgebracht. Das Gedicht stammt von einem Freund von mir, und ihr lieber Mann freute sich darüber. Dann ging er getrost, ja freudig den letzten Weg. Ich selbst kann ja seine Anschauungen nicht in allen Stücken teilen, aber ich fühlte mich ihm im tiefsten Innern verbunden und kann nur sagen: Gott schenke uns allen Kraft, mit dieser inneren Bereitschaft den Weg zu gehen, den er uns führt. Ihr lieber Mann ist nun allen Dunkelheiten und Wirrnissen dieser bösen Welt entronnen und in Gottes Händen. Das ist ja kein Ende, sondern Durchbruch in die Freiheit, ins wahre Leben. Gott helfe auch Ihnen und Ihren lieben Angehörigen, vor allem der armen alten Mutter, dies Leid aus seinen Händen zu nehmen und ihm vertrauen, dass er es recht macht mit uns und unseren Lieben.“ (Zweigart: Oder soll ich gar den Weg gehen, S. 258.)
Auf der besagten Karte schrieb Gustav Stange an seine Frau: „[…] Sende dir die letzten Grüsse von der Irdischen Welt. Auf Wiedersehen in dem Herrn befohlen. Sei mutig und stark Dein Gustl.“ (Wrobel: Auf Wiedersehen, S. 304)
Nachdem Emma Stange in Stuttgart ausgebombt worden war, wurde sie von der Familie Knöller in Simmozheim aufgenommen. Vergeblich kämpfte sie viele Jahre in der Bundesrepublik um Wiedergutmachung für ihren hingerichteten Ehemann. Erst 1965 wurde das Unrecht von den Behörden anerkannt.
Noch viele Jahre später war Rudolf Daur tief beeindruckt von der Glaubenstreue, die er bei Gustav Stange beobachtet hatte. Auf einer Tagung des Versöhnungsbundes in Wuppertal vom 15. bis 18. Mai 1951 berichtete er darüber und resümierte dabei: „Um die Ehrfurcht vor dem Gewissen solch treuer Menschen gehe es uns in der Auseinandersetzung über das Gesetz, das Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen schützen soll.“ (Die Versöhnung. Unabhängige Blätter für Verständigung, Vertiefung und Erneuerung, Juli 1951, Nr. 10/11, S. 25.) 1953 verfasste er aufgrund dieser Eindrücke einen „Katechismus des Friedens“.
(Hartmann: Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich, S. 68–70; Zweigart: Oder soll ich gar den Weg gehen, S. 255–258; Garbe/Knöller: Die Bibel, S. 240, 244, 250 f., 266; Herrberger, Denn es steht geschrieben, S. 173.)
Gedenkzeichen
In der von der Landeshauptstadt Stuttgart und der Bibliothek für Zeitgeschichte vom 1. September 1989 bis 22. Juli 1990 veranstalteten Ausstellung „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ wurde auch an das Schicksal von Gustav Stange erinnert. (Zweigart: Oder soll ich gar den Weg gehen, S. 255–258.)
Seit dem 8. Mai 2007 befindet sich vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Münchinger Straße 5 ein Stolperstein für Gustav Stange. Es ist der erste für einen Zeugen Jehovas in Stuttgart verlegte Stein. (Redies: Zehn Jahre Stolpersteine.)