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Zeugen Jehovas
Die Zeugen Jehovas sind eine christlich, chiliastisch und nichttrinitanisch ausgerichtete Religionsgemeinschaft. Als religiöse Minderheit wurden sie in fast allen Gesellschaften marginalisiert, verachtet und vielfach verfolgt. Sie sehen die Bibel als Gottes inspiriertes Wort und als ihr theologisches Fundament. Einheitliche Glaubensüberzeugungen innerhalb der Gemeinschaft, ein geschwisterliches Verhalten untereinander und die Übereinstimmung moralischer Standards mit konkretem Verhalten sind für sie wichtig ebenso wie Gewaltlosigkeit und eine klare Hinwendung zu den Nichtprivilegierten. Bekannt sind die Zeugen Jehovas für ihre aktive Missionstätigkeit.
Die Religionsgemeinschaft steht in der Tradition der religiösen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Sie entstand in der Industrialisierung als Folge der damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen und des Bedeutungsverlustes der großen Kirchen und auf Initiative des Amerikaners Charles Taze Russell (1852–1916) aus Pittsburgh/Pennsylvania. Russell sah sich nicht als Religionsgründer, sondern versuchte, das Urchristentum wiederzubeleben. Er sammelte Männer und Frauen verschiedener Konfessionen zu einem systematischen Studium der Bibel. Die als Bibelforscher bezeichneten Christen forschten insbesondere zu biblischen Prophezeiungen, die die Wiederkunft Jesu Christi betrafen. Russell gab ab 1879 die Zeitschrift Zions Watch Tower und Herold of Christ‘s Presence heraus und war der erste Präsident der als Rechtsinstrument 1881 gegründeten Zion’s Watch Tower Tract Society. Nach Russells Tod folgte 1917 Joseph Franklin Rutherford (1869–1942) als Präsident, unter dessen Leitung die Bibelforscher-Vereinigung in den 1920er Jahren eine definierbare Glaubensgemeinschaft mit klarer Organisationsstruktur wurde. Bis Anfang der 1930er Jahre gab es aufgrund von Meinungsverschiedenheiten diverse Abspaltungen. Die neu entstandenen Gruppen konnten jedoch allenfalls eine kurzzeitige regionale Bedeutung erlangen. 1931 nahmen die Bibelforscher den neuen Namen Jehovas Zeugen (Jehovah's Witnesses) an.
In Deutschland begannen sich die Bibelforscher etwa um 1900 zu organisieren. 1902 richteten sie in Elberfeld ein erstes Zweigbüro ein, dass 1908 nach Barmen und 1923 nach Magdeburg verlegt wurde. In den 1920er Jahren gewann die Glaubensgemeinschaft viele neue Anhänger. Deutschland war zu einem Zentrum der internationalen Bibelforscherbewegung geworden und zahlenmäßig nur durch die USA übertroffen. Am 7. Dezember 1921 wurde die Tätigkeit der Bibelforscher in Deutschland rechtlich abgesichert. Die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft in Allegheny wurde als Tochtergesellschaft einer amerikanischen Körperschaft vom Reichsrat anerkannt. 1926 gründete sich mit der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung, deutscher Zweig (IBV) eine weitere Rechtsperson, die 1927 ins Vereinsregister des Amtsgerichts Magdeburg eingetragen wurde.
In der Bundesrepublik waren Jehovas Zeugen lange in der Form von bürgerlich-rechtlichen Vereinen organisiert. Nach der Wiedervereinigung wurde von der Religionsgemeinschaft der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit einer Gleichstellung mit anderen Kirchen angestrebt. Nach langen Rechtskämpfen sind seit 2017 nun in allen Bundesländern die Körperschaftsrechte verliehen worden.
Falk Bersch, 2026
Literaturhinweise
Besier, Gerhard: Jehovas Zeugen in Deutschland, in: Besier, Gerhard/Stoklosa, Katarzyna (Hg.): Jehovas Zeugen in Europa. Geschichte und Gegenwart. Bd. 3: Albanien, Bulgarien, Deutschland, Jugoslawien, Liechtenstein, Österreich, Polen, Schweiz, Tschechoslowakei und Ungarn, Berlin 2018, S. 129–268.
Garbe, Detlef: Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, 3., überarb. Aufl., München 1997.