Magdeburg, Bibelhaus
Adresse
Magdeburg Bibelhaus
Gebäudekomplex der Wachtturm-Bibel- und Traktat-Gesellschaft in der Reihenfolge des Erwerbs:
Magdeburg, Am Fuchsberg 5–7, Deutschland
Magdeburg, Leipziger Straße 11/12, 16, Deutschland
Magdeburg, Emanuel-Larisch-Weg 21 (um 1933–1946: Saarstraße 17–19, 1931–1933 und 1946–1950 Wachtturmstraße 17–19), Deutschland
Magdeburg, Emanuel-Larisch-Weg, Hausnummer unbekannt (um 1933–1946: Saarstraße 1–3, 1931–1933 und 1946–1950 Wachtturmstraße 1–3), Deutschland
Informationen zum Ort
1923 bis 1945: Expansion und Schließung
Ab 1903 unterhielten die deutschen Bibelforscher ein Zweigbüro zunächst in Elberfeld und später in Barmen (heute beides Stadtteile von Wuppertal). Da die Räumlichkeiten zu klein wurden, um den Bedarf der wachsenden Religionsgemeinschaft gerecht zu werden, erwarben die Bibelforscher im Mai 1923 in Magdeburg ein zweieinhalbstöckiges Gebäude in der Leipziger Straße 11/12. Freiwillige Helfer richteten im so bezeichneten Bibelhaus Magdeburg Wohn-, Büro- und Lagerräume ein, so dass der Umzug am 20. Juni 1923 erfolgen konnte.
Der Wachtturm vom 15. Juli 1923 war die erste in Magdeburg gedruckte Zeitschrift. Während bisher auf einer Flachpresse gedruckt wurde, konnte bereits im Folgejahr eine Rotationsmaschine aufgestellt werden. Am 5. Juni 1925 wurde das angrenzende Grundstück Am Fuchsberg 5–7 gekauft. Im vorderen Gebäude im Erdgeschoss befand sich eine größere Druckerei und Buchbinderei, im ersten Stock eine Setzerei und im zweiten Stock Büroräume. Im hinteren Gebäude wurde ein Versammlungssaal mit 800 Sitzplätzen eingerichtet, der Harfensaal genannt wurde.
Täglich wurden 10.000 gebundene, 400seitige Bücher produziert und monatlich über eine Million Zeitschriften hergestellt.
1928 wurde eine zweite Rotationsmaschine angeschafft. Der Bedarf an Druckschriften war so groß, dass die 20 Drucker und 25 Buchbinder die Maschinen täglich in zwei Schichten von je zwölf Stunden laufen lassen mussten. Täglich wurden so 10.000 gebundene, 400seitige Bücher produziert und monatlich über eine Million Zeitschriften Der Wachtturm und Das goldene Zeitalter hergestellt und auch Veröffentlichungen in Blindenschrift gedruckt. Die Literatur exportierte man in 45 Länder.
Im Frühjahr 1930 wurde ein weiteres Grundstück erworben, woraufhin die angrenzende Straße den Namen Wachtturmstraße erhielt. Hier entstand ein Wohngebäude mit 72 Zimmern – auch als „Bethel“ (Haus Gottes) bezeichnet – sowie ein Speisesaal mit Großküche. Insgesamt arbeiteten Anfang der 1930er Jahre 230 Mitarbeiter auf dem Gelände der Wachtturm-Gesellschaft.
Da der kirchliche und zum Teil auch staatliche Widerstand gegen das Werk der Bibelforscher in Deutschland zunahm, wurde 1926 im Bibelhaus eine Rechtsabteilung eingerichtet. Obwohl die Religionsfreiheit in der Weimarer Republik grundsätzlich garantiert war, wurde die Verkündigung von Haus zu Haus und die Verbreitung von Literatur als „unbefugtes Hausieren“ und „Verstoß gegen die Gewerbeordnung“ gesehen. Zwischen 1937 und 1929 kam es zu 4.523 Gerichtsverfahren. Am 19. April 1930 erging jedoch ein Ministerialerlass an die Polizeibehörden: „Die Vereinigung verfolgt zur Zeit rein religiöse Zwecke und betätigt sich nicht politisch. [...] Von der Einleitung von Strafverfahren, insbesondere wegen Vergehens gegen die Reichsgewerbeordnung usw., ist in Zukunft abzusehen.“
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 arbeitete die Zentrale der Zeugen Jehovas in Magdeburg zunächst weiter. Am 24. April 1933 besetzte Polizei und SA die Fabrik des Bibelhauses und versiegelte die Druckmaschinen. Da man keine Beweise für eine regierungsfeindliche Tätigkeit fand, wurde das Eigentum am 28. April zunächst zurückgegeben. Doch am 28. Juni besetzten SA-Truppen das Gelände erneut, hissten die Hakenkreuzfahne und zwangen die verbliebenen 180 Mitarbeiter des Bibelhauses innerhalb kurzer Zeit abzureisen.
Zwischen dem 21. und 24. August 1933 transportierten die Nationalsozialisten 70 Tonnen Bibeln und religiöse Literatur an den Stadtrand von Magdeburg und verbrannten diese öffentlich. Der Wert des beschlagnahmten Eigentums der Wachtturm-Gesellschaft wurde auf drei Millionen Reichsmark geschätzt.
Da das Bibelhaus in Magdeburg im Besitz der amerikanischen Muttergesellschaft von Jehovas Zeugen war, intervenierte die amerikanische Regierung in Deutschland. Darauf wurden die Gebäude am 7. Oktober 1933 zurückgegeben, jedoch nur die Durchführung von Bürotätigkeit erlaubt, die zur Rechtsberatung genutzt wurde. Am 13. September 1934 erfolgte die Genehmigung zum Druck und Vertrieb von Bibeln und Kalendern. So gelang es den Zeugen Jehovas noch 1934 im Bibelhaus Magdeburg eine gerade fertig gestellte neue Bibelübersetzung zu drucken. Eine der beiden Rotationsdruckmaschinen konnte in das Zweigbüro der Zeugen Jehovas nach Prag (Tschechoslowakei) gebracht werden. Am 27. April 1935 verbot der Magdeburger Regierungspräsident die weitere Nutzung der Gebäude, die unter Treuhandverwaltung gestellt wurden.
(Garbe: Zwischen Widerstand, S. 108–111, 126, 133, 134; WTG: Jahrbuch 1974, S. 97–99, 105, 107, 110, 111; WTG: 75 Jahre Wachtturm-Zweigbüro, S. 13, 14.)
1945 bis 2002: Wiederaufbau, erneutes Verbot und Rückgabe
Am 31. August 1945 wurden Jehovas Zeugen in Magdeburg erneut ins Vereinsregister eingetragen. Die Gebäude in der Wachtturmstraße 17–19 sowie in der Leipziger Straße 16 wurden zurückgegeben und instandgesetzt. Erich Frost, ein Überlebender der Konzentrationslager, hielt am 14. Juni 1947 die Ansprache zur Bestimmungsübergabe. Am 24. Juni 1947 erklärte die sowjetische Administration Jehovas Zeugen zur „erlaubten Sekte“. Am 24. Juni 1949 beschloss die Landesregierung Sachsen auch die Gebäude in der Wachtturmstraße 1–3 und Am Fuchsberg 5–7 zurückzugeben. In jenem Monat waren im Osten Deutschlands wieder 16.960 Zeugen Jehovas tätig. Viele freiwillige Helfer waren mit dem Wiederaufbau des Bibelhauses beschäftigt, darunter nicht wenige ehemalige KZ-Häftlinge.
Am 30. August 1950 ließ die Staatssicherheit der DDR das Bibelhaus besetzen, durchsuchte es und inhaftierte 27 Mitarbeiter. Erst am nächsten Tag wurde die Verbotsverfügung erlassen und offiziell zugestellt. Dies war der Beginn einer DDR-weiten Verhaftungswelle und der etwa 40jährigen Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR.
Nach dem Ende der DDR wurde 1993 ein großer Teil der beschlagnahmten Gebäude an die Religionsgemeinschaft zurückgegeben oder es kam zu Entschädigungszahlungen. Im ehemaligen Harfensaal Am Fuchsberg 5–7 richteten Jehovas Zeugen wieder einen Versammlungssaal ein und am 11. Februar 1995 wurde das Gebäude durch Willi Pohl zum dritten Mal der Bestimmung übergeben. Einige Jahre später erfolgte die Einweihung eines weiteren Versammlungssaales, die Bestimmungsübergabe hielt am 20. März 1999 Manfred Teller, einer der 1950 verhafteten Mitarbeiter des Bibelhauses. Am 12. März 2002 veranlasste das Amtsgericht Magdeburg, dass auch die letzten verbliebenen Gebäude in der ehemaligen Wachtturm-Straße 17/19 (heute Emanuel-Larisch-Weg 21) an Jehovas Zeugen zurückgegeben wurden. Heute befinden sich die Gebäude nicht mehr im Besitz der Religionsgemeinschaft.
(Dirksen: Keine Gnade, S. 92–95, 273–277, 300; WTG: Jahrbuch 1974, S. 232; WTG: Jahrbuch 1999, S. 134.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 arbeitete die Zentrale der Zeugen Jehovas in Magdeburg zunächst weiter, organisierte das Werk in Deutschland und druckte Literatur. Noch im April 1933 beteiligten sich in einer einzigen Woche 19.268 Zeugen Jehovas in Deutschland an der Verbreitung von über zwei Millionen Exemplaren der Broschüre „Die Krise“.
Nach der zweiten Besetzung des Bibelhauses durch die SA 1933 konnte von dort ab Oktober noch eine Rechtsberatung für Angehörige der Religionsgemeinschaft durchgeführt werden. Ab September 1934 wurden Bibeln und Kalendern für die Verbreitung in der Bevölkerung gedruckt, bis im April 1935 die komplette Schließung erfolgte.
(Garbe: Zwischen Widerstand, S. 108–115.)
Namensliste
Mitarbeiter bis zur Schließung des Bibelhauses Nationalsozialismus
Mitarbeiter bis zur Schließung des Bibelhauses in der DDR
- Charlotte Müller
- Walter Gluske
- Ernst Seliger
- Manfred Teller
- Willy Thiel
- Ernst Wauer