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Regensburg, Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll

Adresse

Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll
Regensburg, Universitätsstraße 84, Deutschland

Informationen zum Ort

1852 wurde in den Gebäuden des früheren Klosters Karthaus-Prüll die „Königliche Kreisirrenanstalt Karthaus-Prüll“ für 45 Kranke eröffnet. Bis 1933 verzeichnete die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll unter der Leitung von Dr. Karl Eisen bemerkenswerte technische und medizinische Fortschritte. Ziel der Reformen war es nach den Worten von Eisen, dass ein Patient „sich auch in der Anstalt nicht als ein von der Allgemeinheit Abgesonderter fühlen, sondern er soll wissen, dass er zur Gesundung in der Anstalt sich befindet“. Er entwickelte das Konzept einer freien und aktiven Arbeitstherapie im Bereich der Gartenarbeit und Landwirtschaft weiter, investierte in den Ausbau eines behaglich-wohnlichen Umfelds und förderte gezielt die musikalischen und künstlerischen Interessen der Kranken.

Nach 1933 bekannte sich Dr. Eisen zwar weiterhin öffentlich zum Lebensrecht psychisch kranker Menschen, unterstützte jedoch gleichzeitig das am 14. Juli 1933 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. In diesem Kontext ließ er bereits 1934 einen Operationssaal zur Durchführung der männlichen Sterilisierungen einrichten. Die Eingriffe an Frauen nahm in den Anfangsjahren Chefarzt Dr. Schöppe in der „Erbkranken-Station“ im Evangelischen Krankenhaus Regensburg vor. Bis 1939 waren davon nahezu 600 Frauen und Männer betroffen.

1938 übernahm der überzeugte Nationalsozialist Dr. Paul Reiß die Nachfolge als Direktor. Mit Kriegsbeginn trat der seit Monaten geplante Erlass Hitlers für den Mord an psychisch kranken Menschen in Kraft – „die planmäßige Vernichtung aller sogenannten ‚unnützen Esser‘, […] die ‚zu keiner produktiven Arbeitsleistung‘ im Sinne des NS-Regimes mehr fähig waren und Krankenhauskapazitäten in Anspruch nahmen, die der Staat als Kriegslazarette […] verwenden wollte“, so Prof. Dr. Clemens Cording. Anfang September 1940 trafen vom Reichsinnenministerium entsandte T4-Gutachter in Regensburg ein und selektierten mittels der T4-Meldebögen die Patienten zur Ermordung.

Von Regensburg aus brachte man in den Jahren 1940 und 1941 mit Bussen der Gemeinnützigen Kranken-Transport GmbH (GEKRAT) in fünf Deportationen mindestens 641 Patienten in eine der sechs NS-Tötungsanstalten – nach Hartheim bei Linz. Hier wurden die Menschen am Tag ihrer Ankunft durch Kohlenmonoxid ermordet. Das Todesdatum wurde verschleiert, um weiterhin die Pflegezahlungen der Krankenkassen zu erhalten und Angehörige zu täuschen.

Hitler musste die „T4-Aktion“ im Sommer 1941 aufgrund öffentlicher Proteste abbrechen, doch das gezielte Morden ging dezentral auch in Regensburg unvermindert in die „wilde Euthanasie“ über:

  • durch gezieltes Verhungern lassen innerhalb von drei Monaten aufgrund des „Hungerkosterlasses“ des Bayerischen Innenministeriums vom 30. November 1942, was in der Anstalt Regensburg bis 1945 zu einer Sterblichkeitsrate von 32,4 Prozent führte,

  • mittels Injektionen von Schlafmitteln oder Morphiumpräparaten, so dass insgesamt rund 1.600 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Regensburg ermordet wurden,

  • durch absichtlich herbeigeführte, katastrophale Hygiene- und Versorgungsbedingungen in überfüllten Räumen oder

  • vereinzelte Deportationen in andere Anstalten und Konzentrationslager.

Das Schicksal von Personen im politischen oder religiösen Widerstand, die verhaftet und in psychiatrischen Einrichtungen zwangseingewiesen wurden, ist in der wissenschaftlichen Forschung bislang nur marginal behandelt worden. Zu ihnen gehören die Zeugen Jehovas Albin Relewicz aus Bochum und Hermann Deffner aus Pirmasens, die aufgrund ihrer religiösen Tätigkeit in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen und im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde getötet wurden. Ferdinand Schieber aus Schwandorf wurde am 2. Mai 1941 zusammen mit 136 Mitpatienten von der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in die NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz transportiert, wo er ermordet wurde.

Von 1933 bis 1945 waren in der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt zwischen 1.050 und 2.040 Patientinnen und Patienten untergebracht. Heute befindet sich auf dem Gelände das Bezirksklinikum Regensburg.

(Cording: Die Regensburger Heil- und Pflegeanstalt; Klee: „Euthanasie“; Scherer/Linde/Paul: Die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

Männer

Gedenkzeichen

Eine Gedenkinstallation, entworfen von Bruno Feldmann und Karoline von Montgelas, sowie eine Stolperschwelle des Künstlers Gunther Demnig erinnern auf dem Gelände des heutigen Bezirksklinikums an die Ermordung von hunderten kranken Menschen in Regensburg. Die Leitung des Bezirksklinikums Regensburg lehnte jedoch die Verlegung von Stolpersteinen für Albin Relewicz und Ferdinand Schieber sowohl auf dem Gelände als auch außerhalb auf dem öffentlichen Bürgersteig ab. Im Oktober 2024 bzw. Mai 2026 verlegte die Initiative Stolpersteine für Regensburg in Kooperation mit der Stadt Regensburg deshalb Stolpersteine für Albin Relewicz und Ferdinand Schieber auf dem St. Georgenplatz in Regensburg vor der Gedenkstele für die verfolgten Zeugen Jehovas. (Unrecht: Mahnmal gegen das Vergessen.)

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