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Erfurt, Justizkomplex Andreasstraße

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Adresse

Landgericht (1879–1952)
Bezirksgericht (1952–1990)

Gerichtsgefängnis (1879–1933)
Strafgefängnis und Haftanstalt (1933–1945)
Straf-, Polizei- und Untersuchungshaftanstalt (1952–1990)
MfS-Bezirksverwaltung Erfurt (1952–1989)
Justizvollzugsanstalt (1990–2002)
Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße (ab 2013)
Erfurt, Andreasstraße 37a/Domplatz 37 (früher Friedrich-Wilhelms-Platz 37), Deutschland

Informationen zum Ort

Die preußische Regierung ließ am zentralen Domplatz in Erfurt einen Justizkomplex im neugotischen Stil errichten – bestehend aus dem Landgerichtsgebäude am Friedrich-Wilhelms-Platz 37 (heute Domplatz 37) und einem Gerichtsgefängnis an der Ecke Friedrich-Wilhelms-Platz/Andreasstraße (heute Andreasstraße 37a). Der Gefängnisbau war 1879 fertiggestellt und bot anfangs Platz für 110 Häftlinge. Während sechs politischer Systeme wurden hier Menschen inhaftiert.

1878–1918 Deutsches Kaiserreich

  • Landgerichtsgefängnis für bis zu 200 Gefangene.

  • Im Gerichtshof vollstreckte ein Scharfrichter die Todesstrafe mit dem Handbeil.

1918–1933 Weimarer Republik

  • Gerichtsgefängnis sowie Untersuchungs- und Strafanstalt für über 250 Gefangene.

  • Hinrichtungen erfolgten mit dem Handbeil.

1933–1945 Nationalsozialismus

  • Wurde umbenannt in Strafgefängnis und Haftanstalt.

  • Gestapo und Justiz arbeiteten eng zusammen, Andersdenkende, Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden und religiöse Gegner wurden hier eingesperrt, darunter jugendliche Widerstandsgruppen. So kam die Zeugin Jehovas Erna Bechstein 1936 in der Andreasstraße in Untersuchungshaft, weil sie den Gruß „Heil Hitler!“ verweigert und politische Veranstaltungen boykottiert hatte.

  • Zeitweise war die Haftanstalt mit mehr als 400 Gefangenen überbelegt.

1945–1949 Sowjetische Besatzungszone

  • Zunächst von der sowjetischen Militäradministration genutzt.

  • Inhaftierung von tatsächlichen oder vermeintlichen Nationalsozialisten und vermeintlichen Gegnern der neuen Ordnung.

1949–1989 DDR

  • Straf-, Polizei- und Untersuchungshaftanstalt für mehr als 5.000 Menschen.

  • Zunächst vorwiegend Haftort für politische Oppositionelle, ab 1961 vermehrt für Personen mit Fluchtdelikten, in den 1970er Jahren für Ausreisewillige und Regimekritiker.

  • Hunderte Zeuginnen und Zeugen Jehovas wurden vom MfS in der Andreasstraße der „Spionage“, „Boykotthetze“ oder „Antidemokratischen Propaganda“ im Auftrag der „anglo-amerikanischen Kriegsbrandhetzer“ beschuldigt und vor dem Land-, später Bezirksgericht, Erfurt angeklagt und zu Zuchthausstrafen verurteilt. (Barch, MfS, AU 327/53, Bd. 2.)

  • 1952 richtete das MfS im Gebäudekomplex (heute Andreasstraße 38) seine Bezirksverwaltung Erfurt ein und beanspruchte 1954 die zwei oberen Etagen im Zellentrakt. Die Andreasstraße war das einzige Gefängnis in der DDR, das MfS und Volkspolizei (Keller und Erdgeschoss) gemeinsam nutzten.

  • Beginnend mit physischer Gewalt in nächtlichen Verhören, mittels Schlafentzug oder Einzelhaft professionalisierte das MfS über die Jahrzehnte die subtilen, psychischen Druckmittel wie Manipulation, Erpressung oder Verunsicherung.

  • Haftprinzipien waren Desorientierung, Isolation und die totale Überwachung. Die Restauratorin des Gebäudes, Julia Hurlbeck, erklärt: „So zeigt sich die Intensität der Überwachung an den Gebrauchsspuren auf den Außenseiten der Zellentüren. Jede Tür besitzt einen Spion. Die Dienstanweisung des MfS legte ein Kontrollintervall von fünf bis acht Minuten fest. Hand, Arm und Stirn des Wachpersonals haben deutliche Abdrücke hinterlassen.“ (Maser/Veen/Voit: Haft, Diktatur, Revolution, S. 15.)

  • Am 4. Dezember 1989 besetzten erstmals Bürger eine Stasi-Bezirksverwaltung, um Stasi-Akten zu retten, lagerten die Dokumente in den zuvor vom MfS genutzten Haftzellen und versiegelten die Zellentüren mit rotem Wachs.

Zunächst wurde der Name der Andreasstraße in Erfurt ein Synonym für „Gefängnis“, später für „Stasi-Knast“, 1989 zum Symbol für die „Friedliche Revolution“.

(Maser/Veen/Voit: Haft, Diktatur, Revolution; Hellmuth: Strafverfolgung.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus

Inhaftierte Zeugen Jehovas berichteten von ihrer konspirativen Kommunikation zwischen den Zellen in der Haft. Die Restauratorin Julia Hurlbeck fand Beweise: „Die Isolation der Häftlinge führte dazu, dass ein Klopfalphabet zwischen den Zellen zum Einsatz kam. Noch heute sind gewellte Farbschichten an den Wänden und Abdrücke der Hocker auf den Böden sichtbar, von wo aus diese ‚Gespräche‘ stattfanden.“ (Maser/Veen/Voit: Haft, Diktatur, Revolution, S. 15)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus

Männer

  • Harald Lieske

Gedenkzeichen

2013 eröffnete in der ehemaligen Haftanstalt die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Die Dauerausstellung zur NS-Zeit präsentiert Adolf Hitlers SA-Parade auf dem Erfurter Domplatz im Juni 1933 ebenso wie Porträts von Menschen im Widerstand, wie das der Zeugin Jehovas Erna Bechstein. Im behutsam restaurierten ehemaligen Männer-Zellentrakt des MfS in der obersten Etage der Gedenkstätte erleben Besucher authentisch und weitgehend unverfälscht die Aufnahme-Prozeduren und Haftbedingungen, die medial durch Zeitzeugen-Aussagen lebendig werden – unter anderem erzählt der Zeuge Jehovas Harald Lieske. An den Zellentüren erinnern Siegelwachs-Reste an die Rettung von Stasi-Akten.

Link zur Website der Stiftung Ettersberg und der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße.

Hinter einer roten Backsteinmauer befindet sich das ehemalige Haftgebäude. An der Mauer ist ein Schaukasten.
Der Eingangsbereich der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, 2019 (UaP, Fotograf: Rainer Bärwald).
In einem Kellergewölbe finden sich Ausstellungstafeln und Ausstellungstische mit Lesemappen.
Die in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße vom 18. April bis 21. Mai 2019 gezeigte Wanderausstellung „Verboten und verfolgt – Jehovas Zeugen im KZ Ravensbrück und in Haftanstalten der DDR“ (UaP, Fotograf: Rainer Bärwald).

Externe Medien

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