Germersheim, Wehrmachtgefängnis
Adresse
Militärgefängnis Germersheim/Festungshaftanstalt (1936–1939)
Wehrmachtgefängnis Germersheim (1939–1945)
Germersheim, Paradeplatz (früher: Bürckel-Allee 12), Deutschland
Informationen zum Ort
1834 wurde die Festung Germersheim erbaut und 1855 fast fertiggestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg musste ein großer Teil der Festung geschleift werden. Einige Gebäude blieben jedoch erhalten und dienten später als Militärgefängnis. Dazu gehörte das Festungsgefängnis in der „Klosterkaserne“, einem 1756 erbauten Franziskanerkloster, das nach der Französischen Revolution als Kaserne diente. Das Garnisonslazarett diente in den Kriegen 1870/71 und von 1914-1918 der Versorgung von Verwundeten und wurde in der NS-Zeit als Wehrmachtgefängnis für 1.200 Gefangene genutzt. Zum Komplex gehörten auch das 1894 errichtete Arrestgebäude, die Theobald- und die Leipheimer-Kaserne. Am 1. April 1937 wurde das Militärgefängnis Germersheim in den Strafvollstreckungsplan der Wehrmacht aufgenommen. (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 139.) Es wurde zunächst von Oberstleutnant Alexander Ratcliffe als Kommandant geleitet. Von 1941 bis 1945 war Oberst Hans Merten Kommandant. (USHMM: Encyclopedia of Camps and Ghettos, S. 666–669.)
Von 1937 bis zum Kriegsbeginn sind bisher 18 Zeugen Jehovas bekannt, die dort wegen Wehrdienstverweigerung inhaftiert waren (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 139). Aus dem Jahr 1938 ist der Tod des Zeugen Jehovas Wilhelm Auer aus Heilbronn als Wehrmachtstrafgefangener bekannt. (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 141; Hetzner: Feuerofen, S. 19.)
Mit Kriegsbeginn wurde in Germersheim ein Wehrmachtstraflager eingerichtet. Bisher sind fünf Zeugen Jehovas bekannt, die nach September 1939 in Germersheim inhaftiert waren. Im Februar 1940 berichtete die Zeitschrift „Trost“, dass ein 22-jähriger Zeuge Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung im Militärgefängnis Germersheim erschossen worden sei. Die Hinrichtung fand vermutlich bereits Ende 1939 statt. Der Name des Hingerichteten ist bis heute unbekannt. (Trost, Nr. 417, Bern, 1. Februar 1940, S. 14.)
Die Erschießungen fanden in Germersheim im Wallgraben der Theobald-Kaserne und auf dem Maschinengewehr-Schießstand Westheim/Pfalz statt. Todeskandidaten wurden unter unmenschlichen Bedingungen in den Kellerzellen bis zu ihrer Hinrichtung angekettet. (Klausch: Das Wehrmachtgefängnis, S. 104.)
Ab 1942 wurden, mit der Aufstellung von so genannten Feldstrafgefangenenabteilungen, mehrere hundert Militärgefangene an die Ostfront verlegt, um dort Minen zu räumen oder andere gefährliche Arbeiten zu verrichten. Unter ihnen befand sich auch der österreichische Zeuge Jehovas Franz Opetnik. (Herrberger: Denn es steht, S. 185, 216–221.)
Anfang März 1945 wurde das Wehrmachtgefängnis geräumt und nach Bayern verlegt. US-Truppen befreiten die Häftlinge bei Wasserburg und verhafteten das Gefängnispersonal. (USHMM: Encyclopedia of Camps and Ghettos, S. 666–669.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Ab 1937 waren mehrere Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung im Militärgefängnis Germersheim inhaftiert. Sie hielten sich dort gewissenhaft an die Gefängnisordnung, verweigerten aber gemeinsam den Hitlergruß während des Exerzierdienstes (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 140 f.). Dies hatte in der Regel eine erneute Verurteilung durch ein Kriegsgericht zur Folge. Da die inhaftierten Zeugen Jehovas ihre kriegsgegnerische Gesinnung während der Haft nicht aufgaben, kamen sie nach Verbüßung ihrer Strafe nicht in Freiheit, sondern wurden meistens in ein Konzentrationslager überführt. Dieses Schicksal traf beispielsweise Joachim Escher. (Rammerstorfer/Engleitner: 100 Jahre, S. 251–254.)
Nach Kriegsbeginn verweigerte auch Fritz Glaap im Wehrmachtgefängnis Germersheim den „Hitlergruß“ und wurde zu einer weiteren Haftstrafe verurteilt. (Herrberger, Strafsystem, S. 142.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Männer
- Adolf Alber
- Wilhelm Auer
- Ernst Braunert
- Joachim Escher
- August Friedrich
- Fritz Glaap
- Heinrich Harasek
- Wilhelm Hirsch
- Robert Hube
- Georg Koch
- Heinrich Kudlocz
- Wilhelm Markert
- Franz Mattischek
- Berthold Mewes
- Franz Opetnik
- Johann Schober
- Karl Speckmaier
- Adolf Stirm
- Wilhelm Trinkner
- Name unbekannt
- Josef Wegscheider
- Otto Wulle
- Ernst Wilhelm Zehender
Gedenkzeichen
Seit 27. Januar 2007 befindet sich am ehemaligen Arrestgebäude in Germersheim eine Gedenktafel zur Erinnerung an die mindestens 47 in Germersheim hingerichteten Soldaten. Ein Hinweis auf inhaftierte oder hingerichtete Zeugen Jehovas ist nicht enthalten.