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Ernst Schneider

Vorname(n)
Ernst
Nachname
Schneider
Geburtsdatum
28. März 1911
Geburtsort
Düsseldorf, Deutschland
Todesdatum
19. Februar 1963
Todesort
Ratingen, Deutschland
Beruf
Musiker
Erstkontakt und/oder Taufe
Besuchte ab 1932 öffentliche Vorträge der Zeugen Jehovas

Biographische Orte

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Wohnort(e)

Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus

Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus

Der Musiker Ernst Schneider komponierte selbst Musikstücke und war in der Spielzeit 1937/38 im Städtischen Orchester der Stadt Düsseldorf beschäftigt. Sein Instrument war das Fagott. Ab 1932 hatte er öffentliche Vorträge der Zeugen Jehovas besucht und bekannte sich trotz des Verbots der Glaubensgemeinschaft in Preußen im Juni 1933 weiter zu deren Glaubensprinzipien – dazu gehören die Gleichheit aller Menschen, politische Neutralität sowie das christliche Gebot der Nächstenliebe.

Vier seiner Kollegen im Symphonieorchester denunzierten ihn im Juni 1938 beim Landeskulturverwalter und Landesleiter für Musik im Gau Düsseldorf, da er „sich weigere, den deutschen Gruss zu grüssen“ und es „nicht für nötig [halte], bei den Deutschen Nationalhymnen sich vom Platze zu erheben“ – so vermerkt in der Gestapoakte zu Ernst Schneider. Daraufhin wurde er festgenommen und verhört. Zwar erhob die Staatsanwaltschaft aufgrund mangelnder Beweise keine Anklage, doch nachdem im Oktober die Reichsmusikkammer Berlin eingeschaltet worden war, verlor Schneider seine Anstellung im Orchester und musste als Maschinen- und Bauhilfsarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen.

Ernst Schneider 1953 beim Spielen seines Fagotts
Der Musiker Ernst Schneider, 1953 (Sammlung Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, 13-006-300.002).

Im November 1939 wurde er zum zweiten Mal festgenommen, kurz nachdem er bei der Firma Rohde und Dörrenberg in Düsseldorf-Oberkassel den Beitritt zur DAF verweigert und deshalb seinen neuen Arbeitsplatz schon nach fünf Tagen wieder verloren hatte. „In der Bibel steht ‚Du sollst nicht töten‘ und Soldat zu werden käme aus dem Grunde für mich nicht in Frage“ hatte er außerdem erklärt. Im Gestapo-Verhör gab er auszugsweise zu Protokoll:

„Die Schrift sagt: ‚Alles Heil kommt nur von Jesus Christus‘. Diesem Grundsatz werde ich treu bleiben, bis an mein Lebensende. Ich will mit der nationalsozialistischen Lehre nichts zu tun haben und werde mich auch in Zukunft weigern, in die Deutsche Arbeitsfront einzutreten [,…] irgendeiner NS.Gliederung beizutreten, […] an einem Luftschutzkursus teilzunehmen. […] Wenn ich zur Musterung aufgerufen werde, werde ich dieser Aufforderung keine Folge leisten, weil ich ja ohnehin den Wehrdienst und den Fahneneid nicht leisten kann. Ich lehne diese meine staatsbürgerliche Pflicht ab, weil es in der Bibel heißt: ‚Du sollst nicht töten!‘ […] Meine Zukunft lege ich in die Hand meines Schöpfers.“

Der Polizeiarzt bestätigte, dass Ernst Schneider „arbeits- und lagerfähig“ sei. Daraufhin überstellte die Gestapo ihn in das KZ Sachsenhausen, wo er, wie viele Zeugen Jehovas, direkt in die Strafkompanie kam, und zwar mit der Gefangenennummer 6.078. Das bedeutete Schwerstarbeit im Laufschritt, auch an Sonntagen, bei Essensentzug und schweren Misshandlungen durch die SS. In der Gestapoakte sind akribisch die regelmäßigen Schutzhaftprüfungstermine zwischen Januar 1940 und Februar 1944 belegt.

Möglicherweise traf Ernst Schneider zwischen 1. März und Juni 1940 im KZ Neuengamme ein. Dort erhielt er die Gefangenennummer 793.

Äußerst selten versuchte die Gestapo, KZ-Gefangene der Wehrmacht zuzuführen, wie im Fall von Ernst Schneider, mit der Bemerkung: „Bei weiterem ablehnendem Verhalten wäre gegen ihn nach den Militärstrafgesetzen vorzugehen.“ Ein sinnloses Unterfangen, dem nicht entsprochen wurde. Denn die meisten der in Konzentrationslagern gefangenen Zeugen Jehovas verweigerten kompromisslos jede Beteiligung am Krieg ebenso wie Arbeiten für die Wehrmacht oder in der Rüstungsindustrie.

Im Rahmen der Evakuierung des Lagers Neuengamme wurde Ernst Schneider am 20. April 1945 nachts zusammen mit 22 weiteren Zeugen Jehovas in einer kleinen Gruppe von 50 Gefangenen unter SS-Bewachung in einen Güterwagen verladen und Richtung Lübeck transportiert. Nach ihrer Ankunft pferchte man die Gefangenen zunächst in die Laderäume der Thielbek. „[Es war] nicht möglich […] nur einen Moment unberührt dazustehn. Liegen war vollständig unmöglich. […] ein Gestank, kein Lichtstrahl“, schrieb er später in sein Tagebuch.

Nach sieben oder acht Tagen wurden die Gefangenen auf das Schiff Athen verladen, um auf die Cap Arcona gebracht zu werden. Schneider beschrieb, dass sich im Luxusdampfer meist zehn Gefangene eine 2er-Kabine teilen mussten. Zu essen gab es nur Steckrübenwasser und abends eine dünne Scheibe Brot mit einem Stück Butter.

In seinem Tagebuch hielt er am 20. Mai 1945 detailliert seine Erinnerungen fest: „Am 2. Mai […] mitten in der Nacht hörte man plötzlich zwei laute Knalle. […] Die Türe wurde aufgerissen […] Stimmen wurden laut. Unsere Cap bekam Schlagseite. […] Nach einiger Zeit wurde es wieder ruhig […] und wir legten uns wieder auf den Fußboden.“

Gemäß der Dokumentation nach Augenzeugenberichten von Heinz Schön handelte es sich bei den Detonationen um die „Aktion Regenbogen“: Die Wehrmacht musste ihre eigenen Kriegsschiffe und Unterseeboote versenken, nachdem die Besatzungen sie verlassen hatten.

Gegen 15 Uhr am Nachmittag des 3. Mai war Ernst Schneider gerade mit einem Freund im großen Speisesaal, als das Schiff plötzlich bebte. Sie sahen eine weiße Flagge auf der Thielbek. Sofort lief er zu seinen Mitgläubigen in die Kabinen.

„Ich sah durchs Bullauge plötzlich englische Flieger direkt im Tiefflug auf die Cap Arcona zukommen. […] Bomben fielen, es krachte furchtbar. Eine Salve nach der anderen. Wir befürchteten eine Kesselexplosion. In den Gängen rauchte es stark. Man bekam keine Luft mehr. Vor allen Kabinen rannten die Menschen ratlos umher.“

Die Bewacher befahlen den Gefangenen, zurück in die Kabinen zu gehen.

„Nun legte sich das Schiff noch mehr um. Man konnte in den Gängen nicht mehr aufrecht laufen. Feuer! Das Schiff brennt.“ Er kämpfte sich an Deck und sah „gewaltige Flammen aus dem Ladeluk heraus [...] Von [der] Reling bis zum Wasserspiegel waren wohl ungefähr 8 Meter. Viele sprangen ins Wasser, mit und ohne Schwimmwesten und versuchten, sich an die von Land kommenden Rettungsschiffe zu ketten. Jedoch auf diesen Versuch […] sind viele durch die Kälte des Wassers erstarrt. Auch kamen die Rettungsbote nicht näher an uns heran. Die Flieger überflogen im Kreisflug unser Schiff.“

Hunderte Gefangene, die eng aneinander gepresst auf dem Vorderschiff standen, „schwenkten ihre Taschentücher oder Lumpen zu den Fliegern […] auch sah man jetzt auf unserem Schiff die weise [sic!] Flagge. Aber leider zu spät. Jetzt konnte man auch beobachten wie das Schiff […] Deutschland bombardiert wurde und nach wenigen Minuten hell in Flammen stand. Und die Thielbek ist innerhalb 30 Minuten gesunken. Auf beiden Schiffen waren auch unsere [Glaubens]brüder.“ Nach etwa zwei Stunden „legte sich das Schiff schnell um. Und wir wurden einer nach dem anderen, trotzdem wir uns gegenseitig versuchten festzuhalten[,] ins Wasser geschüttet. […] Einer klammerte sich am anderen fest.“ 

Ernst Schneider schwamm zurück zum Schiff, das nach seiner Schätzung noch etwa sieben Meter aus dem Wasser ragte und brandheiß war, und konnte sich an einer Stelle zusammen mit einem Mithäftling für einige Zeit festhalten. „Die Posten, welche sich auf dem sinkenden Schiff befanden, [haben] auf wehrlose sich rettende Häftlinge geschossen“, dokumentierte er.

Der Mitgläubige Alfred Knegendorf, ein Seemann, zog ihn und etwa 20 weitere Gefangene mit einem Tau an der Eisenwand des Schiffes hoch. Viele Stunden harrten einige hundert Personen nun auf dem gekenterten Kiel der Cap Arcona aus. Selbst in dieser verzweifelten Lage machte Ernst Schneider zwei russischen Mitgefangenen Mut und erzählte ihnen von der Hoffnungsbotschaft der Bibel. Erst nachts gegen 22 Uhr kam Rettung.

„Inzwischen legte ein Rettungsboot an und nahm ungefähr 300 bis 310 Gerettete mit an Land. Ein Marinesoldat war so gütig und gab mir seinen eigenen Militärrock, […] denn es war mir sehr kalt.“ 

Britische Soldaten brachten die Geretteten in eine Kaserne, die U-Boot-Schule in Neustadt/Holstein, die als Sammellager für die befreiten Gefangenen genutzt wurde. Ernst Schneider gehörte zu den mindestens 15 Zeugen Jehovas, die am 3. Mai 1945 den Angriff britischer Jagdbomber auf die Schiffe Cap Arcona, Thielbek und Deutschland in der Neustädter Bucht überlebten.

Ende Mai 1945, kurz bevor er sich auf den Weg in seine Heimatstadt Düsseldorf machte, schrieb er:

„Bei meinen Spaziergängen an der Bucht von Neustadt […] werfe [ich einen] Blick über Wasser, so sehen wir in der Ferne die Stelle wo unser Schiff die Kap Arkona [sic!] aus dem Meere ragt mit den vielen Todesopfern welche den Verbrennungstod, Erstickungstod und den Tod des Ertrinkens erleiden mußten.“

Pass für ehemalige KZ-Häftlinge von Ernst Schneider mit Passfoto von Mai 1945
Pass für ehemalige KZ-Häftlinge von Ernst Schneider, ausgestellt im Mai 1945 in Neustadt/Holstein (Sammlung Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, 13-006-300.004).
"Sonderausweis für politisch, rassisch und religiös Verfolgte" von Ernst Schneider mit Passfoto, ausgestellt im Juni 1946
Sonderausweis für politisch, rassisch und religiös Verfolgte von Ernst Schneider, ausgestellt im Juni 1946 in Düsseldorf (Sammlung Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, 13-006-300.005).

(LAV NRW R, Akte RW 58 Nr. 55199; ITS Arolsen Archives, Teilbestand 1.1.38.1 / Sign. 4094646, 1.1.30.1 / Sign. 3423336, 342334; Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Sammlung 13-006-300.001 – 13-006-300.008; Archiv Neuengamme, Erinnerungsbericht Ernst Schneider, Neustadt 20.5.1945; Stadtarchiv Düsseldorf, Wiedergutmachungsakte Sign. 0-1-32-379-0041; Schön: Die Cap Arcona-Katastrophe, S. 205; Düsseldorfer Stadtpost, 3.5.2000.)

Gedenkzeichen

Seit 2015 wird das Schicksal von Ernst Schneider in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf in der Dauerausstellung „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“ auf einer Informations-Stele präsentiert.

Externe Medien

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