In Warschau gründet sich eine erste Gruppe von Bibelforschern. In den nächsten Jahren entstehen in Lodz und an anderen Orten weitere kleine Bibelforschergruppen.
Chronologie
Was im Land geschah – die Ereignisse in chronologischer Folge.
In Warschau gründet sich eine erste Gruppe von Bibelforschern. In den nächsten Jahren entstehen in Lodz und an anderen Orten weitere kleine Bibelforschergruppen.
Durch einen Erlass des Generalgouverneurs von Warschau wird den Bibelforschern die rechtliche Anerkennung zuteil.
Das Organ der Bibelforscher „Strážnica“, die polnische Ausgabe des „Wachtturm“, erscheint monatlich.
1919–1930
Nach dem Ersten Weltkrieg sind die Bibelforscher in Polen vermehrt aktiv. 1921 nimmt in Warschau ein Zweigbüro der IBV die Tätigkeit auf. 1924 gibt es um die 1.000 Bibelforscher, 1928 24 Bibelforschergemeinden.
26. Juli 1931
Die Internationalen Bibelforscher geben sich den Namen Jehovas Zeugen.
Das Zweigbüro wird von Warschau nach Lodz verlegt.
1932/33
Das polnische Ministerium für Religionsgemeinschaften und öffentliche Aufklärung wendet sich gegen die Tätigkeit der Zeugen Jehovas, woraufhin viele verleumderische Presseberichte über die Glaubensgemeinschaft erscheinen. 1933 werden Jehovas Zeugen in etwa 100 Fälle bei der Ausübung ihrer religiösen Tätigkeit von der Polizei behindert.
1. Oktober 1933
Nachdem in der Freien Stadt Danzig die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, finden dort erste Verhaftungen von 26 Zeugen Jehovas statt.
7. Oktober 1934
In einer weltweiten Aktion senden Gemeinden der Zeugen Jehovas etwa 20.000 Telegramme und Briefe an die Reichsregierung, in denen sie gegen die Verfolgung der deutschen Glaubensgeschwister protestieren. Etwa 100 Telegramme kommen aus Polen.
28./29. März 1935
Nach einem Erlass des Polizeipräsidenten der Freien Stadt Danzig wird das dortige Zweigbüro der Religionsgemeinschaft geschlossen und der gesamte Literaturvorrat beschlagnahmt. Kurz darauf wird die IBV in Danzig verboten.
Gegen die Tätigkeit der Zeugen Jehovas gehen bei der Polizei um die 3.000 Anzeigen ein. Angehörige der Glaubensgemeinschaft werden in 41 Fällen bei ihrer Religionsausübung schwer misshandelt.
25. September 1936
In der Freien Stadt Danzig wird der Zeuge Jehovas Wilhelm Ruhnau verhaftet. Er war für die Weiterleitung von Berichten über die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Danzig und Deutschland verantwortlich. Wilhelm Ruhnau wird nach Deutschland ausgeliefert und bleibt verschollen.
Die Zeitschrift der Religionsgemeinschaft „Złoty Wiek“ („Das Goldene Zeitalter“) wird in Polen verboten und eine staatliche Verfolgung in Gang gesetzt.
Die Zeitschrift „Strážnica“ („Der Wachtturm“) wird verboten. Es erfolgen erste gerichtliche Verurteilungen von leitenden Zeugen Jehovas.
Die Zahl der Übergriffe auf Jehovas Zeugen steigt. Es kommt zu mindestens 75 Gewaltakten, zwei davon mit Todesfolge. Gegen Zeugen Jehovas werden 263 Gerichtsverhandlungen geführt, von denen 99 mit einem Freispruch enden.
19. März 1938
Die Kreisverwaltung Lodz verfügt, dass die Tätigkeit der Zeugen Jehovas einzustellen ist, was am 22. Mai 1938 die Schließung ihrer Zentrale in Lodz zur Folge hat.
5. Juni 1939
Das Lodzer Woiwodschaftsamt löst die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Polen auf. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 55 Gemeinden mit 1.039 Mitgliedern im Land.
1. September 1939
Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg.
8. Oktober 1939
Durch einen Erlass Hitlers werden große Teile West- und Mittelpolens dem Deutschen Reich einverleibt, das Generalgouvernement entsteht. Gemäß dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 teilen Deutschland und die Sowjetunion Polen unter sich auf. Der Kontakt der polnischen Zeugen Jehovas zum Zentraleuropäischen Büro in Bern geht verloren und für die polnischen Zeugen Jehovas beginnt eine grausame Verfolgung, die viele Todesopfer fordert. Auch im von der Sowjetunion besetzten Ostpolen ist etwa die Hälfte der Zeugen Jehovas von ihrer Religionsgemeinschaft abgeschnitten.
Mit dem KZ-Komplex Auschwitz-Birkenau entsteht das größte NS-Vernichtungslager. Rund die Hälfte der etwa 400 im KZ Auschwitz inhaftierten Zeugen Jehovas sind polnischer Herkunft. Im August wird das KZ Groß-Rosen errichtet. Etwa zwei Drittel der 109 dort inhaftierten Zeugen Jehovas sind Polen.
Ab 1940/41
Dem deutschen Zeugen Jehovas Fritz Otto gelingt es von Danzig und Lodz aus, verschlüsselt mit dem Zentraleuropäischen Büro in Bern zu kommunizieren. Er bemüht sich, den Kontakt zwischen den Glaubensangehörigen in Danzig, Posen und Bromberg aufrechtzuerhalten.
Die Zeugen Jehovas richten in Warschau eine geheime Druckerei ein, in der Matrizen für die Zeitschrift „Strážnica“ („Der Wachtturm“) hergestellt werden. Die Matrizen dienen der Vervielfältigung der Zeitschrift, die in anderen Gebieten Polens ausgeführt wird. In den Kriegsjahren erscheint fast jede Ausgabe von „Strážnica“.
Es erfolgt eine Ausdehnung der Missionsarbeit auf bisher noch nicht erreichte Städte und abgelegene Dörfer, wobei neue Gruppen von Gläubigen entstehen. Der heftige Widerstand gegen die Zeugen Jehovas kommt nicht nur von den Besatzern. Katholische Geistliche veranlassen polnische Widerstandskämpfer Zeugen Jehovas zu drangsalieren und ihr Eigentum zu zerstören.
1941/42
Mit Majdanek (Lublin) entsteht im Oktober das erste Konzentrationslager im Generalgouvernement. Mindestens 57 Zeugen Jehovas sind in Majdanek inhaftiert, fast die Hälfte von ihnen sind Polen.
Die bisher als Zivilgefangenenlager Stutthof geführte Einrichtung in der Nähe der Freien Stadt Danzig wird 1942 ein Konzentrationslager. Etwa 100 Zeugen Jehovas befinden sich bis Kriegsende in Stutthof.
Zeugen Jehovas meist polnischer Herkunft werden auch in weiteren Konzentrationslagern in Polen inhaftiert, so im Fort VII in Posen (60), im Arbeitslager Żabikowo (44) sowie im Jugendverwahrlager Litzmannstadt, wo sich zehn Kinder polnischer Zeugen Jehovas befinden.
Insgesamt leiden über 400 polnische Zeugen Jehovas in zwölf NS-Konzentrationslagern. Weitere werden in Untersuchungsgefängnissen, Gestapostellen und Zuchthäusern inhaftiert. Mindestens 43 polnische Zeugen Jehovas kommen unter deutscher Besatzung durch eine Hinrichtung oder gezielte Ermordung ums Leben.
Dezember 1942
In Warschau wird die geheime Druckerei der Zeugen Jehovas entdeckt und die Verantwortlichen werden verhaftet.
1944/45
Beim Näherrücken der Ostfront werden Zivilisten von den deutschen Besatzern gezwungen, Panzergräben auszuheben. Dutzende Zeugen Jehovas, die dies verweigern, werden erschossen.
Die Reorganisation des Werkes der Zeugen Jehovas in Polen beginnt.
Februar 1946
Die Polizei verhaftet alle Mitarbeiter des wiedereröffneten Zweigbüros der Zeugen Jehovas in Lodz und das Amt für öffentliche Sicherheit beginnt die Glaubensaktivitäten der Religionsgemeinschaft zu überwachen.
1946–1949
Die Repressionen seitens staatlicher Stellen und der katholischen Kirche nehmen zu. Die Kongresse der Zeugen Jehovas werden gestört und Zeugen Jehovas bei ihrer Missionstätigkeit brutal geschlagen. Die Polizei weigert sich vielfach, helfend einzugreifen.
Die Widerstandsgruppen der Nationalen Streitkräfte, die antikommunistische Untergrundbewegung Freiheit und Unabhängigkeit und die Katholische Aktion gehen besonders rücksichtslos gegen Jehovas Zeugen vor. Die 15jährige Henryka Zur wird am 1. März 1946 gefoltert und erschossen, als sie sich weigert, das katholische Kreuzzeichen zu machen. Am 12. Juni 1946 werden Aleksander Kulesza und sein Sohn Jerzy zu Tode geprügelt, weil sie in ihrem Glauben unbeugsam bleiben.
1946/47 finden bei Zeugen Jehovas 800 Wohnungsverwüstungen, 256 Plünderungen sowie Brandstiftungen statt. 4.000 Zeugen werden misshandelt und 60 ermordet.
Im Sommer 1949 erfolgen weitere staatliche Restriktionen gegen Jehovas Zeugen. Ihre Missionare werden ausgewiesen und einzelne Glaubensangehörige verhaftet. Die Religionsgemeinschaft trifft Vorbereitungen, ihre Tätigkeit erneut in den Untergrund zu verlegen.
21./22. April 1950
Der polnische Sicherheitsdienst überfällt und durchsucht das Zweigbüro in Lodz und verhaftet den Vorstand der Wachtturm-Gesellschaft.
20./21. Juni 1950
Es erfolgt eine zweite Durchsuchung des Zweigbüro in Lodz durch den polnischen Sicherheitsdienst und die Verhaftung fast aller Mitarbeiter. Das Zweigbüros wird versiegelt. Dies ist der Beginn einer landesweiten Verhaftungswelle von etwa 6.000 Zeugen Jehovas.
2. Juli 1950
Das Amt für religiöse Angelegenheiten in Polen lehnt eine Registrierung der Organisation der Zeugen Jehovas ab und spricht stattdessen ein Verbot aus. Die Zeugen Jehovas gehen in den Untergrund.
16. bis 22. März 1951
In einem Gerichtsprozess gegen sieben leitende Mitglieder der Zeugen Jehovas erhalten die Angeklagten Gefängnisstrafen zwischen fünf Jahren und lebenslänglich.
In Polen gibt es fast 20.000 Zeugen Jehovas, worauf die Sicherheitskräfte mit einer zweiten Verhaftungswelle reagieren.
10. bis 14. März 1955
Ein Schauprozess gegen Zeugen Jehovas endet mit harten Urteilen. Einer der Angeklagten stirbt in der Untersuchungshaft, weitere erleiden körperliche Zusammenbrüche.
Ende des Jahres befinden sich 354 Zeugen Jehovas wegen Missionstätigkeit oder aufgrund von Wehrdienstverweigerung in Gefängnissen und Arbeitslagern.
1956–1958
In einer poststalinistische „Tauwetter“-Phase werden viele Zeugen Jehovas vorzeitig aus der Haft entlassen und es gelingt Jehovas Zeugen mit dem Amt für religiöse Angelegenheiten über ein Registrierungsgesuch zu verhandeln. Die Verhandlungen scheitern letztlich.
Der Sicherheitsdienst entwickelt 1958 ein neues Konzept zum Umgang mit Jehovas Zeugen, dessen Ziel die innere Zersetzung der Religionsgemeinschaft ist.
Mai 1963
Der Oberste Gerichtshof in Polen entscheidet, dass die organisatorische Tätigkeit der aufgelösten Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas verboten sei, die „individuelle oder private Religionsausübung [jedoch] nicht strafbar.“
Ende der 1960er Jahre
Zwischen 1956 und 1969 werden 34 Produktions- und Verteilungszentren der Zeugen Jehovas für ihre religiöse Literatur von den Sicherheitskräften entdeckt und geschlossen.
Jehovas Zeugen beginnen in den Sommern sogenannte Waldkongresse mit hunderten von Teilnehmern abzuhalten. Diese illegalen in der Natur stattfindenden Zusammenkünfte werden von den Behörden nach und nach toleriert.
5. Juli 1981
Der erste von mehreren öffentlichen Kongress der Religionsgemeinschaft nach Jahrzehnten findet mit 5.751 Besuchern in Danzig statt, obwohl die Religionsgemeinschaft offiziell noch verboten ist.
Es erfolgt die Eintragung einer rechtlich anerkannten Verlagsgesellschaft unter dem Namen Wachtturm-Verlag der Religion der Zeugen Jehovas, um die Einfuhr von Literatur der Religionsgemeinschaft zu erleichtern.
12. Mai 1989
Das Verbot wird aufgehoben und Zeugen Jehovas in Polen erhalten die rechtliche Anerkennung.