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Ludwig Cyranek

Vorname(n)
Ludwig
Nachname
Cyranek
Geburtsdatum
1. September 1907
Geburtsort
Herten, Deutschland
Todesdatum
4. Juli 1941
Verfolgungsbedingte Todesart
Hingerichtet
Beruf
Kaufmännischer Angestellter, landwirtschaftlicher Helfer im elterlichen Betrieb
Erstkontakt und/oder Taufe
Taufe als Bibelforscher 1924

Biographische Orte

Die Karte zeigt Orte, die mit der Person dieses Beitrages verknüpft sind.

Wohnort(e)

Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus

Ludwig Cyraneks jüngere Schwester Maria wurde als Kind bei einem Reitunfall verletzt und galt seither als geistig behindert. Sie wurde ein Opfer des von den Nationalsozialisten beschönigend als „Euthanasie“ bezeichneten Programms der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus

In den Jahren 1931 bis 1934 besuchte Ludwig Cyranek als reisender Beauftragter der Zeugen Jehovas verschiedene ihrer Gemeinden in Frankreich, den Niederlanden, Jugoslawien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei. 1934 kehrte er in die elterliche Wohnung nach Adscheid zurück. 1934 bis 1938 war er für das Zweigbüro der Zeugen Jehovas in Prag (Tschechoslowakei) tätig. Er übernahm Aufgaben als geheimer Kurier im In- und Ausland und benutzte verschiedene Decknamen, so „Horst“ in den Niederlanden, „Lucie“ in Stuttgart und „Gerhard“ in Magdeburg.

Am 17./18. April 1935 wurde Ludwig Cyranek in Troisdorf kurzzeitig inhaftiert, weil er missioniert hatte. Eine weitere Verhaftung ist für den 10./11. September 1935 in Siegburg belegt, wobei ihm die fortgesetzte Verbreitung von illegalen Schriften zur Last gelegt wurde. Auch dieses Mal wurde er, nachdem ein Verfahren angeordnet und ein Gerichtstermin angesetzt wurde, zunächst wieder entlassen und er wechselte von nun an häufig den Wohnort, um der Gestapo zu entgehen. Zu der Gerichtsverhandlung am 20. September in Siegburg erschien er nicht. Daraufhin wurde er am 5. November 1935 zur Fahndung ausgeschrieben und die Gestapo erließ am 20. November 1935 einen Haftbefehl.

Im Folgenden nahm die Gestapo einen Paul Lorenz Cyranek fest, den sie wegen der Namensgleichheit fälschlicherweise für den Gesuchten hielt. Paul Lorenz Cyranek wurde bei einem Prozess in Halle am 28. April 1936 freigesprochen. Ludwig Cyraneks Eltern und Geschwister sahen sich durch die Fahndung gezwungen, ihren Nachnamen von Cyranek auf Emter ändern zu lassen, was sie am 29. Mai 1936 taten.

Vom 4. bis 7. September 1936 nahm Ludwig Cyranek an einen Kongress der Zeugen Jehovas in Luzern (Schweiz) teil, im Zuge dessen auch die künftige illegale Tätigkeit in Deutschland koordiniert wurde. Obwohl die Gestapo von dem Kongress Kenntnis hatte und die Teilnahme zu verhindern suchte, gelang es etwa 300 Zeugen Jehovas aus dem Deutschen Reich auszureisen und den Kongress zu besuchen. Ludwig Cyranek wurde nach dem Kongress als Bezirksleiter für den Bereich Hessen, Baden-Württemberg und Bayern eingesetzt und war u. a. in Mannheim, Karlsruhe und Offenbach konspirativ tätig.

Am 5. November 1936 wurde er in Mannheim in der Wohnung des Zeugen Jehovas German Lickert festgenommen und im Gerichtsgefängnis im Mannheimer Schloss inhaftiert. Von dort kam er am 28. Januar ins Gefängnis nach Bonn. Ludwig Cyranek wurde am 9. April 1937 vom Schöffengericht Siegburg zu 18 Monaten Haft verurteilt, obwohl der Staatsanwalt „nur“ zwölf Monate gefordert hatte. Die Untersuchungshaft wurde beim Strafmaß nicht angerechnet. Am 26. Mai 1937 erfolgte die Überstellung von Bonn in das Strafgefängnis nach Wittlich, wo er bis zum 30. September 1937 verblieb. Dann begann der Transport in das Emsland. Ludwig Cyranek traf am 5. Oktober 1937 im Straflager VI Oberlangen ein. Am 15. September 1938 wurde er von dort in das Straflager V Neusustrum überstellt und am 9. Oktober 1938 nach Strafverbüßung freigelassen.

Im Dezember 1938 gelang Ludwig Cyranek die Flucht aus Deutschland in die Niederlande zu Robert Arthur Winkler. Im Frühling 1939 übernahm er als Reichsleiter die Verantwortung für die Tätigkeit der Zeugen Jehovas im gesamten Deutschen Reich. In den Niederlanden erhielt er einen falschen Pass auf dem Namen Arie Tol und kehrte damit nach Deutschland zurück. Ab März 1939 schrieb die Zeugin Jehovas Maria Hombach als Sekretärin für ihn Briefe mit Zitronensaft, die durch Bügeln lesbar gemacht werden konnten. Im Juli 1939 war Ludwig Cyranek erneut in den Niederlanden. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich reiste er auch dorthin, um das Werk der Zeugen Jehovas zu reorganisieren. In Österreich empfahl er Zusammenkünfte für das zum Bibelstudium mit nur bis zu vier Personen durchzuführen. Er veranlasste die Herstellung der Broschüre „Faschismus oder Freiheit“ und leitete Berichte von ehemaligen KZ-Häftlingen an das Zweigbüro in den Niederlanden weiter. Am 17. November 1939 wurde er bei einem weiteren Besuch in den Niederlanden kurzzeitig inhaftiert, konnte aber fliehen.

Inzwischen suchten die NS-Behörden intensiv nach ihm. Durch einen Spitzel erfuhren sie von Besuchen Ludwig Cyraneks in Magdeburg und Dresden. Während er bei der Durchsuchung der Wohnung seines Gastgebers in Magdeburg noch im Pyjama fliehen konnte, setzte die Gestapo ihn in Dresden um den 1. März 1940 in einem Gasthaus fest und überführte ihn wenige Tage später in das Polizeigefängnis in der Schießgasse, wo er bis August 1940 blieb. Zum Zweck einer Vorführung am Sondergericht München erfolgte seine Verlegung nach Augsburg am 25. November 1940. Weitere Haftstationen waren Nürnberg (14. bis 18. Januar 1941), Essen (18. Januar bis 19. Februar 1941) und Wuppertal-Elberfeld (20. Februar bis 3. März 1941).

Zeitungsartikel in dem es unter anderem heißt: "Das Sondergericht Dresden verurteilte den am 1.9.1907 geborenen Ludwig Cyranek zuletzt wohnhaft gewesen in Adscheid bei Blankenburg wegen Zersetzung der Wehrkraft ... zu Tode. ... In verschiedenen deutschen Städten hatten sie ihre Tätigkeit aufgenommen und insbesondere Druckschriften hergestellt und verteilt."
Bekanntgabe des Todesurteil gegen Ludwig Cyranek in der Presse (Oberkasseler Zeitung vom 22. März 1941).

Schließlich wurde Ludwig Cyranek nach Dresden zurückgebracht, wo er zunächst in der Gefangenenanstalt II in der Mathildenstraße inhaftiert war. Am 18. März 1941 erfolgte die Überführung in das Gefängnis am Münchner Platz, wo er zwei Tage später vom Sondergericht Dresden wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt wurde. Sein älterer Bruder Anton, der als Soldat diente, schrieb ein Gnadengesuch für ihn, das am 3. Juli 1941 abgelehnt wurde. Am 4. Juli 1941 wurde das Todesurteil an Ludwig Cyranek in Dresden vollstreckt.

Ein junger Mann mit Seitenscheitel blickt ernst in die Kamera. Die Polizeifotos zeigen ihn zunächst von der rechten Seite, dann von vorn und schließlich mit Hut und Mantel im Halbprofil.
Ludwig Cyranek, Polizeifotos 1940 (LAV NRW R, RW 58, Nr. 2017, Bl. 0085).

Ludwig Cyranek hinterließ einen bewegenden Abschiedsbrief, mit dem folgenden Wortlaut:

"Mein lieber Bruder, meine liebe Schwägerin, meine lieben Eltern, alle anderen Geschwister mit eingeschlossen!
Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre! Nunmehr muß ich Euch die schmerzliche Eröffnung machen, daß ich mich bei Ankunft dieses Briefes nicht mehr in diesem Dasein befinde. Seid bitte, bitte nicht allzu traurig. Denket, daß es für den allmächtigen Gott ein leichtes ist, mich aus dem Tode zu erwecken. Ja, er vermag alles, und wenn er mich den bitteren Kelch trinken läßt, dann hat es auch seinen Zweck. Wißt, daß es mein Bestreben war, ihm in meiner Schwachheit zu dienen, und ich bin überzeugt davon, daß Gott mir bis zum Ende beisteht. Ich befehle mich in seine Hände. Ich scheide von Euch, indem meine Gedanken bei Euch, Ihr Lieben, in der letzten Stunde verweilen. Möge Euer Herz nicht erschrecken, vielmehr fasset Euch, denn so ist es ja sicherlich besser für Euch, als mich dauernd im Zuchthaus wissend, was eine ständige Sorge für Euch wäre.
Und nun will ich Euch, liebe Mutter, lieber Vater, danken für alles Gute, das Ihr mir erwiesen habt. Ich kann ja nur einen schwachen Dank stammeln. Möge Jehova Euch alles vergelten. Mein Flehen ist, daß er Euch bewahren und segnen möge, denn sein Segen allein macht reich.
Lieber Toni! Ich glaube gern, daß Du alle Hebel in Bewegung gesetzt hättest, um mich aus der ‚Löwengrube‘ herauszuholen, doch vergebens. Heute abend erhielt ich Bescheid, daß das Gnadengesuch abgelehnt wurde und morgen früh die Vollstreckung erfolgt. Niemals habe ich selbst eine Eingabe gemacht und um Gnade von Menschen gebeten. Ich anerkenne aber Deinen guten Willen, mir zu helfen, und danke Dir sowie Luise aus tiefstem Herzensgrund für das Gute, das Ihr mir schenktet. Die Zeilen, die Eure Anteilnahme bekunden, haben mir wohlgetan.
So seid alle miteinander herzlich gegrüßt und geküßt, besonders habe ich Karl in mein Herz geschlossen. Gott mit Euch, bis wir uns wiedersehen. Es umarmt Euch alle
[gez.] Ludwig Cyranek"

(Garbe: Zwischen Widerstand, S. 324, 327, 336 f.; Schröder: Vom Leben und Sterben; Gollwitzer/Kuhn/Schneider: Du hast mich heimgesucht, S. 341 f.; Malle: Jehovas Zeugen in Österreich, S. 118 f.; Hombach: Jehova stütze mich, S. 11.)

Gedenkzeichen

Die Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden zeigt in ihrer Dauerausstellung ein Telegramm der Dresdner Dienststelle der SS, in welchem sie die Verhaftung von Ludwig Cyranek an die Zentrale in Berlin meldet sowie die Ladung Ludwig Cyraneks zum Prozess in Dresden.

Am Geburtsort Ludwigs Cyraneks in Herten, Elisabethstraße 19, erinnert eine Gedenkplatte an den Zeugen Jehovas.

Am 28. August 2024 wurde vor dem Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Karlsruhe, Gablonzer Straße 15, ein Stolperstein für Ludwig Cyranek verlegt, da sein Wohnhaus in Karlsruhe im Krieg zerstört wurde.

(Stadt Herten: Spurensuche, S. 14.)

Externe Medien

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