Leipzig, Polizeipräsidium
Adresse
Polizei- und Untersuchungsgefängnis
Konzentrationslager (1933)
Gestapodienststelle Leipzig (1933–1940)
Leipzig, Dimitroffstraße 1–5 (früher Wächterstraße), Deutschland
Das Polizeigebäude, die sogenannte Wächterburg, wurde zwischen 1888 und 1890 in der Leipziger Südvorstadt nahe des Neuen Rathauses und des Reichsgerichts gebaut. Der Architekt und Stadtbaurat Hugo Licht verantwortete das Projekt, das mit einem Budget von 950.000 Mark, was heute etwa 6,5 Millionen Euro entspricht, umgesetzt wurde. Der Bau mit seinem markanten Eckturm, der sich heute in der Dimitroffstraße (früher war der Abschnitt ein Teil der Wächterstraße) befindet, dient noch immer als Dienstgebäude der Polizei.
Die Bevölkerung nannte das Gebäude von Anfang an Wächterburg. Es liegt an der nördlichen Seite eines Areals, das von repräsentativen Justiz- und Polizeigebäuden umgeben ist, darunter das Landgericht und ein Gefängnis – alles gelegen in einem Geviert zwischen Wächterstraße, Peterssteinweg, Harkortstraße und Beethovenstraße. Der Rat der Stadt beschrieb das Königliche Polizeiamt bei seiner Fertigstellung 1890 als ein „stattliches, auf den Beschauer durch die Eigenartigkeit und Gediegenheit seiner Form mächtig wirkendes Gebäude“.
Das Polizeigebäude ist in einem Viereck um einen Innenhof angeordnet. Bei der Eröffnung 1890 wurde die südliche Rückseite der Wächterburg von einem vierstöckigen Gefangenenflügel begrenzt. Dieses Arresthaus, das mit einer Dampfwarmwasserheizung ausgestattet war, bot Platz für 74 Einzelzellen, die auch doppelt belegt werden konnten, sowie für sechs größere Räume für Obdachlose. Sechs Zellen waren speziell für gefährliche Gefangene konzipiert. Jede Zelle verfügte über ein Klosett mit Wasserspülung und telegraphische Klingeln. Eine Verbindung zu der Untersuchungshaftanstalt gegenüber in der Beethovenstraße war vorhanden.
Von Februar bis Ende 1933 war das Polizeigefängnis ein frühes Konzentrationslager für Menschen, die die Nationalsozialisten als politische Gegner betrachteten. Mit der Ernennung von Heinrich Himmler zum Chef der deutschen Polizei am 17. Juni 1936 diente das Polizeigefängnis „nicht mehr allein polizeilichen Interessen“. Ab April 1937 residierte die aus der politischen Abteilung IV des Polizeipräsidiums Leipzig hervorgegangene Staatspolizeistelle mit in der Wächterburg. Nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 inhaftierte die Gestapo über 530 jüdische Bürger in der Wächterburg. Auch Mitglieder der „Leipziger Meuten“ wurden dort festgehalten.
Bis mindestens 1940 blieb die Gestapo im Polizeipräsidium, bevor die Abteilungen der politischen Polizei in die Villa des Fabrikanten Sack in der Karl-Heine-Straße im Stadtteil Plagwitz und in ein Gebäude in der Hindenburgstraße 34 (heute: Friedrich-Ebert-Straße) verlegt wurden. Nach der Deportation der Bewohner des jüdischen Altersheims in der Auenstraße 14 (heute Hinrichsenstraße) im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt übernahm die Staatspolizeistelle das Grundstück und verlegte eine Abteilung in das Gebäude im Waldstraßenviertel.
Der Gestapobeamte Frank spielte eine führende Rolle bei der Verfolgung der Zeugen Jehovas in Leipzig, von denen viele zumindest vorübergehend im Polizeigefängnis einsaßen, wie beispielsweise Karl Siebeneichler und Otto Späte. Eine andere Zeugin Jehovas beschrieb den Gestapobeamten Frank als kleinen, dicken und brutalen Mann mit einer sehr lauten Stimme.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges blieb der Haftort ein Polizeigefängnis. Einen Teil nutzte zunächst wohl auch der sowjetische Geheimdienst. Bereits ab den 1950er Jahren waren dort offenbar auch bereits wieder Zeugen Jehovas inhaftiert. Im Gegensatz zu dem direkt über den Innenhof angrenzenden Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Beethovenstraße war das Gefängnis in der Wächterstraße dem Ministerium des Innern (MdI) beziehungsweise der Volkspolizei unterstellt.
Dort wurden Personen oft nach Festnahmen oder für polizeiliche Erstmaßnahmen beziehungsweise für Kurzhaft eingeliefert, bevor sie – besonders bei politischen oder vom MfS als relevant eingestuften Fällen – an die Staatssicherheit übergeben wurden. Seit 1966 wurden Wehrdienstverweigerer in der DDR nicht mehr im Militärstrafvollzug, sondern im zivilen Vollzug untergebracht. Als ein solcher ziviler Haftort für Wehrdienstverweigerer wird auch das Gefängnis in der Wächterstraße genannt.
Heute befindet sich an der südlichen Seite der Wächterburg der Zentrale Polizeigewahrsam (ZPG) der Polizeidirektion Leipzig. Zwischen 1994 und 1995 wurden die Zellen, mit ihren historischen hölzernen Türen, unter Berücksichtigung denkmalschutzrechtlicher Auflagen saniert. Maximal finden in dem früheren Polizeigefängnis 122 Personen Platz. Es gibt 42 normale Einzel- und zehn speziell ausgestattete Gewahrsamszellen, zusätzlich vier Gruppenzellen für zehn Personen und zwei Gruppenzellen für 15 Personen. Im Durchschnitt befinden sich laut Polizei drei bis vier Personen täglich in Leipzigs Zentralem Polizeigewahrsam.
(Müller: Leipziger Polizei, S. 569, 575, 596. Albrecht: Die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Leipzig, S. 25-28; Vereinigung Leipziger Architekten und Ingenieure: Leipzig, S. 259–264; Brenner/Heidrich/Müller/Wendler: NS-Terror; Schmid: Gestapo Leipzig, S. 10; Schmidt: Religiöse Selbstbehauptung, S. 193-194; Rosin: Totalverweigerer, S. 255.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Im Herbst 1937 prügelte die Gestapo in der Wächterstraße die 49-jährige Zeugin Jehovas Hedwig Wilde zu Tode. Ihr Ehemann Emil Wilde musste ihre Schreie aus seiner Zelle mit anhören. Zwei Mitgefangene bezeugten vor Gericht die Schmerzensschreie der dreifachen Mutter: „Ihr schlagt mich ja tot, ihr Teufel!“
Der Gestapobeamte Frank war offensichtlich für den Tod von Hedwig Wilde mitverantwortlich. 1938 machten die Zeugen Jehovas durch eine Buchveröffentlichung auf seine Rolle aufmerksam. „Auf sein Konto allein dürften einige hundert Verhaftungen kommen (…). Dieser Mann scheut sich nicht, selbst Frauen im Greisenalter zu Dutzenden in die Zellen zu sperren; aber nicht für einige Tage, sondern seit Monaten bereits sind sie in Gewahrsam ‚um Schutze von Volk und Staat‘. Dieser feine Herr kommt aber nicht etwa offen, d.h. unter Vorzeigung des Polizei-Ausweises, sondern er kommt, wie dies (…) heute an der Tagesordnung ist, als Spitzel.“
„In raffinierter Weise gibt er sich als Zeuge Jehovas, als Bruder in Christo aus, um sein nichtsahnendes Opfer durch Reden und Unterhaltungen langsam aber sicher ,einzuwickeln’. Einige Zeit später trifft man sich dann wieder auf dem Polizeipräsidium.” Der Historiker Jens-Uwe Lahrtz beschreibt den Leipziger Gestapobeamten Frank als einen „Agent Provocateur“, also einen Lockspitzel, als eine Person, die andere zu einer gesetzeswidrigen Handlung provozieren soll.
Nach Verbüßung ihrer Gefängnisstrafen wurden vielen Zeugen Jehovas in der Wächterburg von der Gestapo eine „Verpflichtungserklärung“ vorgelegt, mit der sie ihrem Glauben abschwören sollten. Die meisten, wie beispielsweise die Leipzigerin Emma Martin, taten dies nicht und wurden daraufhin in ein KZ eingeliefert.
(Zürcher: Kreuzzug, S. 148–149; Lahrtz: Nationalsozialistische Sondergerichtsbarkeit, S. 230–231.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frauen
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
- Alma Fehse
- Emma Hägele, geb. Martin
- Hedwig Wilde
Männer
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
- Gottfried Emil Mehlhorn
- Karl Josef Siebeneichler
- Otto Späte
- Emil Otto Wilde
Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus
Frauen
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
Männer
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt