Selma Senff
- Vorname(n)
- Selma
- Nachname
- Senff
- Geburtsdatum
- 18. April 1883
- Geburtsort
- Rohmanen, Ostpreußen (heute Romany/Polen)
- Todesdatum
- 5. September 1967
- Todesort
- Braunschweig, Deutschland
- Beruf
- Geschäftsfrau
- Erstkontakt und/oder Taufe
- Schloss sich 1923 der IBV an und ließ sich 1930 taufen
Biographische Orte
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Wohnort(e)
Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus
Selma Senff schloss 1903 mit Erfolg eine kaufmännische Lehre bei einer Haus- und Küchengeräte-Firma ab. Von 1903 bis 1907 arbeitete sie in der Firma Emil Cohn in Schönebeck an der Elbe. Danach zog sie nach Braunschweig, um von 1907 bis 1913 in der Firma Adolf Frank in Braunschweig in der Schuhstraße tätig zu sein. Ab November 1913 machte sich Selma Senff als Inhaberin eines Haus- und Küchengerätegeschäftes selbständig, zunächst in der Gliesmaroder Straße, später in der Hamburger Straße 297, wo sie auch privat wohnte.
Wegen ihrer Mitgliedschaft in einer verbotenen Religionsgemeinschaft und ihres angeblich jüdischen Aussehens wurde sie von den Nationalsozialisten verfolgt. Schon vor der Machtergreifung 1933 bedrängten sie die Nazis, da der Freistaat Braunschweig das erste Reichsland war, in dem die Nationalsozialisten dauerhaft bereits seit Herbst 1930 mit an der Regierung beteiligt waren. Sofort begannen sie systematisch, ihre menschenverachtende Ideologie umzusetzen.
Mitte 1932 geriet Selma Senff in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und stand vor der Zwangsversteigerung. Ihr erging es ähnlich wie der jüdischen Bevölkerung: Systematische Beraubung durch schrittweise Verdrängung und Isolierung in Form von unfreiwilligem Verkaufsdruck durch Boykotte und Diskriminierung, Verkäufe unter Wert. In ihrer Krankenakte ist vermerkt: „Ab 1932 hat sich der Körperzustand verschlechtert, besonders infolge einsetzender seelischer Aufregungen."
Um der Bewachung und dem Boykott durch die Nazis zu entgehen, überschrieb Selma Senff ihr Geschäft formal an ihren Neffen, den Kaufmann Otto Lippert in Braunschweig. Dieser wiederum gab es an ihre Schwester Marie Fuhs und den Ehemann Franz Fuhs aus Berlin weiter. Dadurch konnte sie das Geschäft weiterhin als Geschäftsführerin leiten und von den Gewinnen leben.
Dennoch wurde ihr Geschäft schließlich von den Nazis durch Aufkleben von Plakaten mit Texten wie „Jüdisches Geschäft“ gekennzeichnet und boykottiert. Am Morgen des 31. März 1933 forderte die Gestapo schließlich von ihr die Herausgabe der Geschäftsschlüssel. Selma Senff wurde ab sofort das Betreten des Geschäfts als auch das ihrer Privatwohnung verboten. Der kaufmännische Hinweis, dass sie nicht mehr Inhabern sei, wurde nicht anerkannt. Selma Senff hatte damit jegliche Einkommensgrundlage verloren. Sie fand bei einer Familie Lutze im Wendenring Unterschlupf, wohnte danach in der Huttenstraße und der Karl-Schmidt-Straße.
Dennoch wurde ihr Geschäft schließlich von den Nazis durch Aufkleben von Plakaten mit Texten wie „Jüdisches Geschäft“ gekennzeichnet und boykottiert.
Das Ehepaar Fuhs wiederum, vertreten durch den Kaufmann Otto Lippert, verkaufte das Geschäft aus wirtschaftlichen Gründen weiter an den Kaufmann Eduard Junga aus Braunschweig. Dieser eröffnete am 9. Mai 1933 das Geschäft neu. Laut Selma Senffs beglaubigter Aussage im Jahr 1956 war dies ein Zwangsverkauf zu einem Schleuderpreis. Von diesem Zeitpunkt an bis zum 31. Juli 1934 lebte Selma Senff von der Fürsorgeunterstützung.
Es folgten von 1934 bis 1937 vier Verhaftungen und mehrere Verurteilungen zu Haftstrafen durch das Sondergericht Braunschweig, die Selma Senff im Braunschweiger Strafgefängnis Rennelberg verbüßte. Schließlich wurde sie in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Ravensbrück vom Juli 1937 durchgehend bis April 1945 ihrer Freiheit beraubt. Ende April 1945 befreite sie die sowjetische Armee und kehrte nach Hause zurück.
Sie war, wie die meisten Überlebenden bei ihrer Befreiung, körperlich völlig am Ende, krank und besaß praktisch nichts außer ihrer Häftlingskleidung. Bei den schweren Luftangriffen der Alliierten im April und Oktober 1944 wurde Selma Senffs gesamte Wohnungseinrichtung, die sie an zwei Standorten ausgelagert hatte, vernichtet.
Selma Senff erlitt Schaden an Körper und Gesundheit, an Freiheit, an ihrem Eigentum und Vermögen sowie in ihrem beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen. Hierzu vermerkt ihre Krankenakte: „Hat schwerste Steinbrucharbeiten, Bäumesägen und Erdarbeiten verrichten müssen. 1937 hat sie starke Schläge auf den Kopf bekommen und wurde 3 Stunden lang geprügelt. Seitdem hat sie immer viel Kopfschmerzen. Einmal hat sie drei Tage lang im Revier gelegen wegen völliger Schwäche. Nach 1939 hat sie Herzschmerzen verspürt mit Schmerzen und Stichen in der Herzgegend. 1941 hatte sie 3 Tage lang einen schweren Blutsturz. 1942 hatte sie wieder Husten und Auswurf mit dunkelroten Blutbeimengungen. […] Die Untersuchte ist zu einer regelmässigen Berufsausübung nicht mehr in der Lage. Sie leidet unter einer allgemeinen Schwäche und Hinfälligkeit. […] Fräulein Senff ist ein sehr kranker Mensch und kann keinesfalls ohne eine regelmässige Betreuung sein.“
Selma Senff kämpfte bis zu ihrem Tod permanent um ihre Ansprüche. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie im DRK-Heim in der Steinbrecherstraße 5. Sie starb am 5. September 1967 im Alter von 84 Jahren.
Gedenkzeichen
Am 3. Juli 2026 wurde in Braunschweig vor dem Standort des früheren Hauses Hamburger Straße 297 (heute Rebenring/Ecke Mühlenpfordtstraße) ein Stolperstein für Selma Senff verlegt.