Ravensbrück, Konzentrationslager
Adresse
Konzentrationslager Ravensbrück (1939 bis 1945)
Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (1959 bis 1990)
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (seit 1990)
Straße der Nationen, 16798 Fürstenberg/Havel, Deutschland
Informationen zum Ort
Januar bis April 1939: Aufbau des Lagers durch Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen.
15. Mai 1939: Auflösung des KZ Lichtenburg und gleichzeitig Eröffnung des Frauenkonzentrationslager Ravensbrück als Nachfolgeeinrichtung.
21. Mai 1939: Bereits 974 weibliche Gefangene im Lager, darunter 388 Zeuginnen Jehovas, die zu diesem Zeitpunkt die größte Häftlingsgruppe bildeten (39,8 %).
April bis August 1941: Errichtung des Männerlagers Ravensbrück.
Ab 1941 diente Ravensbrück als Hinrichtungsstätte: Zahllose Frauen wurden mit Schusswaffen exekutiert.
Juni 1942: Errichtung des Jugendschutzlagers Uckermark für junge Frauen und Mädchen in unmittelbarer Nähe.
Ab 1942: Errichtung von über 40 Außenlagers sowie weiteren Außenkommandos.
1944: Durch Sondertransporte und Evakuierungen östlich gelegener KZ (wie Auschwitz) stieg die Zahl der Häftlingsfrauen weiter.
Anfang 1945: Die SS richtete in einer Baracke neben dem Krematorium eine provisorische Gaskammer ein, in der ca. 5.000 bis 6.000 Häftlinge vergast wurden; Evakuierungstransorte nach Mauthausen und Bergen-Belsen.
27. und 28. April 1945: Etwa 20.000 Frauen verlassen Ravensbrück auf einem Todesmarsch.
30. April 1945: Befreiung des Lagers durch die Rote Armee.
In den Jahren 1939 bis 1945 befanden sich etwa 132.000 Frauen und Kinder und 20.000 Männer aus über 30 Nationen im KZ Ravensbrück. Nach Schätzungen wurden 20.000 bis 30.000 Frauen ermordet.
(Strebel: KZ Ravensbrück, S. 289, 292, 304, 356–383, 501–504; Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 64, 124, 129, 136, 206 f.; Bersch: Aberkannt, S. 47–49, 61.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Mai 1939: Zwei Zeuginnen Jehovas weigerten sich eine Hackenkreuzfahne in die Wäscherei zu bringen, worauf sie ein Jahr in den Strafblock kamen. (Müller: Gott ist mir Zuflucht, S. 26.)
19. Dezember 1939: Weigerung von 400 Zeuginnen Jehovas Näharbeiten für die Wehrmacht durchzuführen. Es folgte eine tagelange Kraftprobe mit der SS und eine dreimonatige Bestrafungsaktion, die den Widerstand nicht brechen konnte. Im Januar 1940 besuchte Reichsführer SS Heinrich Himmler das KZ und informierte sich persönlich über den Erfolg bzw. Misserfolg der Strafmaßnahmen. (Bersch: Aberkannt, S. 51 f.)
1939/40: Mehrere Zeuginnen Jehovas verfassten Gedichte über die Zustände und ihren Widerstand im KZ Ravensbrück. (Wrobel: Meine Mutter.)
Sommer 1940: Zeuginnen Jehovas verweigerten den Bau von Luftschutzkellern. (Bersch: Aberkannt, S. 52 f.)
Dezember 1940: Zwei Zeuginnen Jehovas wurden nach der Weigerung, die Sonnenwendfeier der SS vorzubereiten, mit verschärftem Arrest bestraft. (Bersch: Religiosität, S. 38.)
Herbst 1941: Zeuginnen Jehovas verweigerten die Arbeit im Kommando Angorazucht, nachdem sie erfahren hatten, dass die Wolle für Wehrmachtkleidung verwendet werden soll. Es folgte eine Bestrafungsaktion an etwa 90 Frauen. (Bersch: Religiosität, S. 38; Michel: Ein junges Mädchen, S. 303 .)
Dezember 1941: Zeuginnen Jehovas verweigerten das Essen der zugeteilten Blutwurst, worauf 86 Frauen je 25 Stockhiebe erhielten. (Bersch: Aberkannt, S. 53.)
Am 15. Dezember 1941 weigerte sich Charlotte Tetzner, die sich im KZ den Zeugen Jehovas angeschlossen hatte, ihre Unterschrift unter eine Erklärung zur Aufgabe ihres neu gefundenen Glaubens zu setzen. Daraufhin verblieb sie im KZ. (Garbe: Zwischen Widerstand, S. 442 f.)
1942: Die Zeugin Jehovas Gertrud Nollert gab durch das Erzählen biblischer Geschichten jüdischen Häftlingsfrauen Lebensmut und Kraft zum Durchhalten. (Wilker: Judenhelfer, 2. Aufl., S. 74 f.)
Sommer 1942: Hinrichtung zweier Zeuginnen Jehovas nach Weigerung, Socken für Soldaten zu stopfen. (Bersch: Religiosität, S. 38.)
5. Oktober 1942: Etwa 90 Zeuginnen Jehovas wurden nach Verweigerung der Arbeit und des Appellstehens nach Auschwitz transportiert. (Bersch: Religiosität, S. 38.)
19. Dezember 1939: Weigerung von 400 Zeuginnen Jehovas Näharbeiten für die Wehrmacht durchzuführen. Es folgte eine dreimonatige Bestrafungsaktion, die den Widerstand nicht brechen konnte.
24. bis 26. Dezember 1942: Durchführung einer „Hauptversammlung“ im Frauenlager mit 300 Teilnehmerinnen. (Bersch: Religiosität, S. 42.)
1942/43: Aufgrund ihrer Zuverlässigkeit erhielten Zeugen Jehovas zunehmend Vertrauensstellungen im KZ, den Außenlagern und -kommandos sowie in den Führerhäusern der SS. Dadurch gelang es vermehrt Bibeln und Schriften der Religionsgemeinschaft ins Lager zu schmuggeln und einen Schriftenaustausch mit anderen KZs bzw. Außenlagern zu organisieren. (Bersch: Religiosität, S. 41.)
18. April 1943: Durchführung einer Abendmahlfeier („Gedächtnismahl“) im Waschraum einer Baracke mit 105 Teilnehmerinnen sowie 26 Frauen in anderen Baracken, vier Frauen auf SS-Gütern und 37 Zeugen Jehovas aus dem Männerlager. (Bersch: Religiosität, S. 43.)
3. und 4. Mai 1944: Bei einer Razzia im Männerlager fand die SS große Mengen Schriften der Zeugen Jehovas. (Bersch: Aberkannt, S. 64.)
1944/45: Zwei Zeuginnen Jehovas brachten die schwer kranke Elfriede Löhr aus eigener Initiative aus einer Krankenbaracke zurück in den Strafblock, und retteten ihr so das Leben. (Unterdörfer: Wir gaben nicht auf, S. 12.)
März 1945: Weigerung von Zeugen Jehovas Bäume zwecks Errichtung von Hindernissen zu fällen, um so den Krieg zu unterstützen. (Bersch: Aberkannt, S. 63 f.)
Durch die Missionstätigkeit der Zeuginnen Jehovas in Ravensbrück schlossen sich andere Häftlingsfrauen ihrer Gemeinschaft an, darunter etwa 300 Frauen aus der Sowjetunion. (Slupina/Berezhko: Die Diktaturerfahrung in der Ukraine, S. 557.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frauen
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: zwischen 750 und 1350
- Josepha (Józefa) Adamski (Adamska), geb. Matuszewska
- Anna (Ana) Ambrozek (Ambrozková), geb. Seva
- Ida Bartosch
- Erna Bechstein
- Maria Czechowicz
- Anna-Maria Denz, geb. Dillmann
- Frieda Gahse, geb. Sauer
- Martha Gehrke, geb. Gillmann
- Elfriede Gollsch
- Martha Lina Guth, geb. Franke
- Antonie Hahn, geb. Bartosch
- Anna Hedwig Handke, geb. Brauer
- Gertrud Hartmann, geb. Drechsler
- Martha Hindel
- Gesche Janssen, geb. Poppen
- Martha Knie, geb. Hagemeister
- Hermine König, geb. Müller
- Elfriede Löhr
- Erna Mauch
- Berta Maurer, geb. Männer
- Alwine Müller
- Klara Müssle, geb. Vogt
- Amalie Pellin, geb. Walendy
- Maria Pomaska
- Wilhelmine Pötter, geb. Schilling
- Elisabeth Pützmann, geb. Radomsky
- Marta Rehwald, geb. Kapuschinski
- Rosa Riffel, geb. Forster
- Elly Scholz, geb. Fey
- Martha Schröder
- Minna Schulze (Šołćina (sorbisch)), geb. Petrick (Pětrikec (sorbisch))
- Hildegard Seliger, geb. Mesch
- Marie Siebeneichler, geb. Heinrich
- Sophie Stippel, geb. Greiner
- Charlotte Tetzner, geb. Decker
- Karoline Veith
- Johanna (Henny) Windolph, geb. Busch
- Auguste Wolf, geb. Busch
Männer
Gedenkzeichen
In der 1959 eingeweihten Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück fand die Opfergruppe der Zeuginnen und Zeugen Jehovas keinerlei Würdigung oder Erinnerung.
1993 wurde in der nun zur Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten gehörenden Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eine neue Dokumentationsausstellung eröffnet, 1994 dann die biografische Ausstellung „Ravensbrückerinnen“. Jehovas Zeugen wurden darin nicht mehr ausgeblendet.
Am 6. November 1996 fand die Welturaufführung des von Jehovas Zeugen produzierten Videofilms „Standhaft trotz Verfolgung“ in Ravensbrück statt.
Vom 1. März bis 31. August 2007 war im „Zellenbau“ die vom Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas in Deutschland konzipierte Ausstellung „Lila Winkel in Ravensbrück“ zu sehen.
Seit 2012 werden Jehovas Zeugen auf dem ehemaligen Lagergelände durch eine eigene Gedenktafel gewürdigt.
Am 21. April 2013 wurde eine neue Dauerausstellung eröffnet, die Informationen über die in Ravensbrück inhaftierten Zeuginnen und Zeugen Jehovas größeren Raum bietet.
Am 22. April 2018 wurde die Wanderausstellung „Verboten und Verfolgt. Jehovas Zeugen im KZ Ravensbrück und in Haftanstalten der DDR“ im Rahmen des 73. Jahrestages der Befreiung des FKZ Ravensbrück eröffnet. Diese Wanderausstellung wurde von der Mahn- und Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur erstellt.