Heinrich Lutterbach
- Vorname(n)
- Heinrich
- Nachname
- Lutterbach
- Geburtsdatum
- 30. Juli 1909
- Geburtsort
- München, Deutschland
- Todesdatum
- 21. August 1985
- Todesort
- München, Deutschland
- Beruf
- Berufsmusiker und Versicherungskaufmann
- Erstkontakt und/oder Taufe
- Taufe als Bibelforscher 1929
Biographische Orte
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Wohnort(e)
Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus
Heinrich Lutterbach besuchte nach einem humanistischen Gymnasium die kaufmännische Fortbildungsschule in München, wo er mit Jehovas Zeugen in Kontakt kam, doch seine Leidenschaft war die Musik. Er beherrschte mehrere Instrumente und ab dem Alter von 17 Jahren wurde er von einer Reihe großer Orchester und Theater für die Stimme erste Violine engagiert.
Bereits Anfang der 1930er Jahre war er Schikanen und gewalttätigen Übergriffen von Behörden oder Geistlichen ausgesetzt, die Großveranstaltungen von Zeugen Jehovas stören oder verhindern wollten. Er bereiste mit einem Team von Missionaren und der Film- und Lichtbilderproduktion „Schöpfungsdrama“ viele Städte in Zentraleuropa. Die Aufführungen wurden von einem Live-Orchester begleitet, das er zeitweise dirigierte.
Am 7. Oktober 1934 beteiligte sich Heinrich Lutterbach in München in der Lindwurmstraße 131 an einer geheimen Zusammenkunft, um gleichzeitig mit Zeugen Jehovas aus vielen Ländern Protestbriefe und Telegramme an Adolf Hitler abzuschicken mit der klaren Forderung, die Verfolgung der Religionsgemeinschaft zu beenden.
Als er 1935 im Orchester des Stadttheaters Regensburg engagiert wurde, leitete er als Seelsorger jede Woche konspirative Zusammenkünfte in der Wohnung von Katharina Knoll im Stahlzwingerweg 1 in Regensburg.
„Mit 27 aus dem Leben gerissen“ – so empfand er seine Verhaftung in München am 19. September 1936, wie er später in seinen Erinnerungen schrieb. Er kam in die Strafanstalt Regensburg. Das Schöffengericht beim Amtsgericht Regensburg verurteilte ihn am 27. November 1936 zu zehn Monaten Gefängnis. Das Gericht sah eine große Gefahr in seiner „verbotenen Lehrtätigkeit“ als Seelsorger der Gemeinde und hob „besonders straferschwerend“ hervor, „daß er als junger wehrpflichtiger Volksgenosse den Wehrdienst ablehnt.“ (StAAm, Akte Bestand Staatsanwaltschaft Regensburg Nr. 978.)
„Mit 27 aus dem Leben gerissen.“
Direkt nach Verbüßung der Strafe im Strafgefängnis Landsberg am Lech überstellte ihn die Gestapo 1937 in die Strafkompanie im KZ Dachau zu Erd- und Betonierarbeiten.
Als das KZ Dachau zu Kriegsbeginn kurzzeitig für andere Zwecke verwendet wurde, kam er am 29. September 1939 in einer Gruppe von 144 Zeugen Jehovas in das KZ Mauthausen und wurde zunächst im Steinbruch und beim Lageraufbau im KZ Gusen eingesetzt.
„Oft gab es in der Gefangenschaft Situationen, die scheinbar ausweglos erschienen. Hunger, Kälte, Krankheit, schwere Arbeit, Mißhandlungen von Seiten unserer Peiniger, Spott und Hohn durch die zynischen Bemerkungen unserer SS-Führer [...] und Kommandanten waren eine harte Probe für unseren Glauben. Wir, die Bibelforscher mit ihren violetten Winkeln auf den gestreiften Anzug genäht, galten als Vaterlandsverräter, die nicht kämpfen wollten und Hitler als ihren Führer ablehnten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, drohte man uns alle zu erschießen.“ (JZArchZE, Erinnerungsbericht Heinrich Lutterbach, 1979.)
Zusätzliche Funktionen als Leiter des Lagerorchesters oder als zweiter Lagerschreiber brachten kaum Erleichterung. Der Mauthausen-Chronist Hans Maršálek schrieb: „Die Gusener Musikkapelle leitete mit besonderer Hingabe der […] Bibelforscher Heinrich Lutterbach. Er wurde von der SS im Jahre 1942 mit der Leitung des Orchesters betraut.“ (Maršálek: Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen, S. 380.)
Trotz der unmenschlichen Bedingungen teilte Heinrich Lutterbach die wenigen zusätzlichen Lebensmittel, die er durch seine Sonderstellung bekam, mit seinen Mitgefangenen ebenso wie geistige Bildung zur Bibel: „Als Lagerschreiber hatte ich die Gelegenheit mich relativ frei und teilweise unbeaufsichtigt zu bewegen […], weil ich teilweise auch in Nachtschicht Transportlisten schreiben mußte. Zu diesem Zweck begab ich mich wiederholte Male nachts ins Krematorium, und während dort die Leichname hingerichteter Häftlinge verbrannt wurden, schrieb ich die Wachtturm-Ausgaben auf der Schreibmaschine ab. […] Dies hätte für mich den Tod bedeutet, wäre ich entdeckt worden.“ (JZArchZE, Erinnerungsbericht und Interview Heinrich Lutterbach 1979.)
Heinrich Lutterbach überlebte fast neun Jahre Gefängnis- und KZ-Haft. Am 5. Mai 1945 wurde er aus dem KZ Gusen befreit und reorganisierte die Gemeinden von Jehovas Zeugen in München. Die Musik – als Komponist und Lehrer – konnte er nur noch in der Freizeit genießen. Eine Mitgläubige aus seiner Gemeinde erzählte: „Die Gefangenschaft in den KZ war wie ein Stigma aufgedrückt. Bei Bewerbungen sah man ‚KZ Dachau, KZ Mauthausen‘, das stand in den Akten. Dann hieß es: ‚Du warst ja ein KZ'ler’, und niemand hat nachgefragt, weshalb jemand im KZ war! Eine Versicherungsgesellschaft in München gab ihm schließlich eine Chance, als Versicherungskaufmann Geld zu verdienen.“ (Gespräch Sandra Breedlove mit Renate Stiller am 3.10.2019.)
Gedenkzeichen
Am 8. Oktober 2019 wurde vor dem Haupteingang des Museums für Bayerische Geschichte in Regensburg, wo sich das Wohnhaus von Heinrich Lutterbach St. Georgenplatz 2 befunden hatte, ein Stolperstein zur Erinnerung an ihn verlegt. (Lukesch: Acht neue Stolpersteine.)
Am 27. Januar 2022 weihte die Regensburger Oberbürgermeisterin Dr. Gertrud Maltz-Schwarzfischer am St. Georgenplatz eine Gedenkstele für Zeugen Jehovas, die vom NS-Regime verfolgt wurden, ein. Eine der Inschriften auf der Stele weist auf Heinrich Lutterbach hin. (Rex: Stele erinnert an die Verfolgung.)