Halle (Saale), Strafanstalt und Zuchthaus „Roter Ochse“
Adresse
Strafanstalt (1842–1935)
Zuchthaus (1935–1945) und Hinrichtungsstätte (1942–1945)
Strafanstalt Halle a. d. Saale „Roter Ochse“ und Untersuchungshaftanstalt der DDR-Staatssicherheit (1950–1989)
Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle/Saale (ab 1996)
Halle/Saale, Am Kirchtor 20a, Deutschland
Informationen zum Ort
1838–1842: Errichtung der Königlich-Preußischen Straf- und Besserungsanstalt
1933: Strafanstalt „Roter Ochse“ wurde in den NS-Strafvollzug eingegliedert
1935: Umwandlung in ein Zuchthaus; zahlreiche Zeugen Jehovas wurden nach einem Urteil dort inhaftiert
1942: Einrichtung einer Hinrichtungsstätte; insgesamt wurden 549 Todesurteile vollstreckt
1943: nach Verlegung des Reichskriegsgerichts nach Torgau wurden die kriegsgerichtlichen Todesurteile in Halle vollstreckt; 57 Zeugen Jehovas, die den Wehrdienst verweigert hatten, starben zwischen 1943–45 unter dem Fallbeil
Für die Strafanstalt und das Zuchthaus sind mindestens 65 Zeugen Jehovas nachgewiesen, die von 1935-45 dort inhaftiert waren
1945: Befreiung des Zuchthauses durch US-amerikanische Truppen; später Übergabe an die sowjetische Besatzungsmacht
1950: Nutzung eines Gebäudeteils als U-Haftanstalt der DDR-Staatssicherheit; vermutlich waren fast 500 Zeuginnen und Zeugen Jehovas für unterschiedliche Zeit dort inhaftiert, darunter Marianne Büchner, geb. Thumann, deren Bruder wenige Jahre zuvor dort hingerichtet worden war
Zwischen 1969 und 1982 waren in Halle auch rund 30 Wehrdienstverweigerer aus den Reihen der Zeugen Jehovas inhaftiert
1996: Einrichtung einer Gedenkstätte für die Öffentlichkeit
(Fricke: Die Justizvollzugsanstalt „Roter Ochse“; Gursky: Politische Justiz; Ders.: Bespitzelung; Herrberger: Denn es steht; Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt: Wehrmachtjustiz; Langhammer: Politische Justiz; Viebig: Das Zuchthaus Halle/Saale)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Einige Zeugen Jehovas verbüßten im „Roten Ochsen“ eine Haftstrafe, weil sie im Untergrund den Zusammenhalt der Gemeinschaft aufrechterhalten hatten und auch weiterhin ihrer Missionstätigkeit nachgegangen waren. Auch während ihrer Haft ließen sie sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen. Genauso wenig wie sich die ab 1943 dort zur Hinrichtung eingelieferten Kriegsdienstverweigerer von ihrer ablehnenden Haltung zum Kriegsdienst im Angesicht der Vollstreckung des Todesurteils abbringen ließen.
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frau
- Annemarie Wobst
Männer
Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt
- Hermann Abke
- Fritz Adler
- Rudolf Auschner
- Erich Barthel
- Friedrich Bicker
- Erich Bobe
- Friedrich Boschan
- Otto Bruser
- Gottfried Bunk
- Erhard Clausnitzer
- Otto Degenkolb
- Konrad Drebinger
- Bernhard Dreja
- Paul Dudnitzek
- Alfred Exner
- August Fehst
- Eduard Fengler
- Karl Gremmelspacher
- Otto Guse
- Gustav Henke
- Wilhelm Hirsch
- Johann Hisiger
- Stephan Ignatzy
- Julius Kerner
- Richard Kliemt
- Xaver Klotz
- Erich Koch
- Robert Koziol
- Arthur Kramm
- Paul Kuchenbäcker
- Otto Kuhrts
- Wolfgang Kämpfe
- Erhard Liebscher
- Eduard Löwe
- Franz Massors
- Alfons Mroß
- Wilhelm Mösslacher
- Peter Müller
- Karl Müller II
- Gustav Neugebauer
- Paul Palka
- Franz Pascutti
- Wilhelm Patz
- Karl Pientka
- Wilhelm Pultar
- Ernst Rauscher
- Otto Reiche
- Paul Rentsch
- Franz Saumer
- Martin Schilbach
- Otto Schiller
- Johannes Schindler
- Kurt Schmidt
- Herbert Schmidt (4)
- Paul Schreckenbach
- Bernhard Schubert
- Wilhelm Schumann
- Ernst Schürer
- Marcel Sutter
- Walter Thumann
- Kurt Weigle
- Heinz Wenk
- Willy Winkler
- Edmund Wowra
- Peter Wrieden
- Adolf Zanker
Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus
Die Zeuginnen und Zeugen Jehovas im „Roten Ochsen“ sprachen trotz Androhung von harten Strafen wie Bunkerarrest weiterhin untereinander und mit anderen über ihren Glauben. Auch der „Wachtturm“ wurde in das Zuchthaus geschmuggelt, dort versteckt und heimlich gelesen, wie es bspw. Marianne Büchner berichtete. (JZArchZE, Zeitzeugeninterview Marianne Büchner, 21.5.2003.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus
Frauen
- Marianne Büchner, geb. Thumann
Männer
- Gerhard Büchner
- Konrad Drebinger
- Walter Gluske
- Walter Hempel
- Kurt Pützmann
Gedenkzeichen
Seit 1996 befindet sich im „Roten Ochsen“ im ehemaligen Hinrichtungsgebäude der NS-Justiz eine Gedenkstätte für die Opfer politischer Verfolgung in den Jahren 1933 bis 1945 und 1945 bis 1989. Die Gedenkstätte will zugleich Lern-, Bildungs- und Forschungsort sowie Ort der Trauer, des Erinnerns und des Gedenkens sein. In drei Stockwerken ist nach Neukonzeption seit 2006 eine Dauerausstellung zu sehen. Die Gedenkstätte ist Teil der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter beiden deutschen Diktaturen werden in der Dauerausstellung mehrfach thematisiert.