Torgau, Fort Zinna
Adresse
Torgau Fort Zinna:
Strafgefängnis
Wehrmachtgefängnis
Untersuchungshaftanstalt für das Reichskriegsgericht
Torgau, Fort-Zinna-Weg 7 (heute: Am Fort Zinna 7), Deutschland
Strafvollzugsanstalt Torgau (ab 1950)
Torgau, Otto-Schlag-Straße 5 (heute: Am Fort Zinna 7), Deutschland
Informationen zum Ort
1811 wurde das Fort Zinna als Teil der Festung Torgau unter König Friedrich August I. auf Befehl von Napoleon I. errichtet. Ab 1890 diente es als Militärgefängnis der preußischen Armee. Während des Ersten Weltkriegs wurden dort kriegsgefangene Offiziere interniert.
In der Weimarer Republik wurde die Festung ab 1919 der Justizverwaltung unterstellt und diente als ziviles „Strafgefängnis“. Zu Beginn des Nationalsozialismus wurden politische Gegner als „Schutzhäftlinge“ in der Festung inhaftiert. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 wurde ein Netz von Militärgefängnissen errichtet und zu diesem Zweck übergab das Reichsjustizministerium auch die Festung Fort Zinna an das Oberkommando des Heeres. Als Wehrmachtgefängnis Torgau wurde es ab 1936 unter dem Kommandanten Heinz Remlinger zum größten Militärgefängnis des Deutschen Reiches ausgebaut. (USHMM: Encyclopedia of Camps and Ghettos, S. 674–676.)
Von 1935 bis zum Kriegsbeginn sind bisher 16 Zeugen Jehovas bekannt, die dort wegen Wehrdienstverweigerung inhaftiert waren. Ab 1941 diente das Wehrmachtgefängnis als Prüfungs- und Durchgangsstation für Militärgefangene, die in eine Straf- oder Bewährungseinheit überstellt werden sollten. Es sind fünf Zeugen Jehovas bekannt, die diese Tortur durchlitten haben (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 139, 142, 144).
1943 wurde das Reichskriegsgericht von Berlin nach Torgau verlegt. Damit diente das Wehrmachtgefängnis auch als Untersuchungshaftanstalt für das Reichskriegsgericht und aus diesem Grund wurden 76 Zeugen Jehovas, die den Wehrdienst verweigert hatten, als Untersuchungshäftlinge in Torgau eingewiesen (Herrberger, Strafsystem, S. 142). Durch brutale Behandlung und psychischen Druck sollten die Häftlinge von ihrem Glauben abgebracht werden (Herrberger, Denn es steht geschrieben, S. 169 f.; ders., Strafsystem, S. 145; Nattland/Geist, Bibelforscher, S. 72). Für 57 zum Tode verurteilte Zeugen Jehovas war Torgau Fort Zinna die letzte Haftstation, bevor sie zur Hinrichtung nach Halle/Saale „Roter Ochse“ überstellt wurden. (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 142, 145; Herrberger: Denn es steht, S. 169f.; Nattland/Geist: Ernste Bibelforscher, S. 72.)
Im April 1945 rückte ein Großteil der Häftlinge mit Wachmannschaften Richtung Süden ab. Am 24./25. April 1945 trafen schließlich amerikanische und sowjetische Einheiten an der Elbe aufeinander, und die letzten Häftlinge der beiden Wehrmachtgefängnisse wurden befreit. (Haase/Oleschinski: Das Torgau-Tabu, S. 134.)
Von September 1945 bis Oktober 1948 befanden sich im Fort Zinna die Speziallager Nr. 8 und Nr. 10 der sowjetischen Besatzungsmacht. Im Lager Nr. 8 waren über 8.000 Deutsche wegen tatsächlicher oder angeblicher Mitgliedschaft oder Funktion in nationalsozialistischen Organisationen inhaftiert. Das Lager Nr. 10 diente als Durchgangsgefängnis für Tausende deutscher und sowjetischer Bürger, bevor sie von Militärgerichten zu 5-25 Jahren „Besserungsarbeitslager“ in der Sowjetunion verurteilt wurden. 1949 wurde Fort Zinna an die Deutsche Volkspolizei übergeben und 1950 für den Strafvollzug der DDR freigegeben.
Ab Sommer 1954, vier Jahre nach Beginn der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR, kamen auch zahlreiche verurteilte Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft in die Strafvollzugsanstalt Torgau. Häufig handelte es sich dabei um Männer, die bereits unter dem Nationalsozialismus gelitten hatten, wie Konrad Drebinger (Haase/Oleschinski: Das Torgau-Tabu, S. 243 f.), Richard Rudolf (Frieser: Ganz normale Helden, S. 40) und Willy Thiel (Bersch: Von Opfern des Faschismus, S. 17).
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Ab 1936 waren mehrere Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung im Militärgefängnis Torgau inhaftiert. Sie hielten sich dort gewissenhaft an die Gefängnisordnung, verweigerten aber gemeinsam den Hitlergruß während des Exerzierdienstes. Dies hatte in der Regel eine erneute Verurteilung durch ein Kriegsgericht zur Folge. Da die inhaftierten Zeugen Jehovas ihre kriegsgegnerische Gesinnung während der Haft nicht aufgaben, kamen sie nach Verbüßung ihrer Strafe nicht in Freiheit, sondern wurden vielfach in ein Konzentrationslager überführt. (Herrberger: Jehovas Zeugen im Strafsystem, S. 140 f.)
Während des Krieges kamen etwa 90 Zeugen Jehovas, die den Kriegsdienst verweigert hatten, als Untersuchungshäftlinge nach Torgau Fort Zinna. Dort waren sie zahlreichen Schikanen durch das Wachpersonal, aber auch durch Mithäftlinge ausgesetzt. Man versuchte sie von ihrem Glauben abzubringen, damit sie sich zum Wehrdienst bereit erklärten. (Herrberger, Denn es steht , S. 169-173.)
So berichtet Marianne Büchner über ihren Bruder Walter Thumann: „Mein Bruder kam dann zunächst ins Wehrmachtsgefängnis nach Torgau, das war damals Festung, dann nach Berlin-Buch, das nannte sich Krankenabteilung Berlin-Buch. Danach wieder zurück nach Torgau. Als wir ihn wieder besuchen durften, lag er in Ketten an Händen und Füßen und seine Zeigefinger waren zerquetscht. Mutter fragte ihn, was hast du an deinen Fingern, das hattest du doch noch nicht, bevor du nach Berlin kamst. Worauf er sagte, dort habe ich es ja bekommen. Das zeugte von Folterung, man wollte ihn zwingen, sich freiwillig an die Front zu melden. […] Mein Bruder war kein Verbrecher, er wollte kein Verbrechen begehen.“ (Eichler: Die Zeugen Jehovas in Gera, S. 20.)
Der Zeitzeuge Ludwig Baumann, Gründer und langjähriger Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, berichtete 2013 in einer Gedenkansprache über seine Erlebnisse im Wehrmachtstrafvollzug: „In Torgau habe ich das ganze Elend der Gefangenen miterleben müssen […]. Dabei habe ich auch Zeugen Jehovas kennengelernt, die mich immer beeindruckt haben. Wir Häftlinge waren ja unentrinnbar diesem Terror ausgesetzt, konnten nicht anders, mussten dortbleiben. Aber bei den Zeugen Jehovas war es ganz anders. Wenn sie den Fahneneid auf Hitler geschworen und ein Gewehr in die Hand genommen hätten, dann wären sie herausgekommen. Dennoch haben sie wie wir gelitten – oft bis in den Tod.“ (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten/Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz: Feierliche Enthüllung, S. 11.)
Der Philologe Werner Krauss, als Mitglied der „Roten Kapelle“ in Torgau inhaftiert, bezeugte ebenfalls: „Es gab in Torgau zahlreiche Ernste Bibelforscher, die fast ausnahmslos entschlossen in den Tod gingen.“ (Weisenborn: Der lautlose Aufstand, S. 88.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Männer
- Konrad (Nachname unbekannt)
- Hermann Abke
- Adolf Arndt
- Rudolf Augustin
- Rudolf Auschner
- Erich Barthel
- Heinrich Bayer
- unbekannt Becker (1)
- unbekannt Becker (2)
- Willy Beyer
- Friedrich Bicker
- Friedrich Blasek
- Erich Bobe
- Ludwig Bruser
- Otto Bruser
- Gottfried Bunk
- Thomas Bürger
- Erhard Clausnitzer
- Otto Degenkolb
- Artur Ditschkowski
- Bernhard Dreja
- Paul Dudnitzek
- Alfred Exner
- August Fehst
- Peter Feldges
- Eduard Fengler
- Karl (Charles) Gremmelspacher
- Otto Guse
- Emil Göhlich
- Josef Hanke
- Renatus (René) Heinrich
- Karl Heinzmann
- Gustav Henke
- Otto Hering
- Wilhelm Hirsch
- Johann (Jean) Hisiger
- Gustav Jaekel
- Herbert Jahn
- Otto Hohrath jun.
- Julius Kerner
- Edmund Kierschka
- Oskar Kliemt
- Xaver Klotz
- Erich Koch
- Max Koczy
- Robert Koziol
- Arthur Kramm
- Wilhelm Kubina
- Paul Kuchenbäcker
- Otto Kuhrts
- Wilhelm Kunz
- Wolfgang Kämpfe
- Oskar Lehmann
- Erhard Liebscher
- Eduard Löwe
- Gustav Malinowski
- Franz Massors
- Heinz Mehnert
- Emil Meinel
- Berthold Mewes
- Alfons Mroß
- Wilhelm Mösslacher
- Peter Müller
- Gustav Neugebauer
- Martin Neumann
- Paul Palka
- Franz Johann Pascutti
- Wilhelm Patz
- Hermann Pawlenka
- Rolf Pfaff
- Karl Pientka
- Hans Preßl
- Wilhelm Pultar
- Ernst Rauscher
- Johannes Rauthe
- Otto Reiche
- Paul Rentsch
- Franz Saumer
- Fritz Schaffner
- Richard Schargott
- Martin Schilbach
- Otto Schiller
- Herbert Schmidt
- Kurt Schmidt II
- Johann Schober
- Paul Schreckenbach
- Ernst Schürer
- Bruno Seifert
- Johann Soltysiak
- Alfred Spitzer
- Walter Steinfurth
- Peter Stommel
- Marcel Sutter
- Kurt Taubner
- Friedrich Thumann
- Walter Thumann
- Gustav Waldmann
- Kurt Weigle
- Heinz Wenk
- Willy Max Winkler
- Edmund Wowra
- Peter Wrieden
- Adolf Zanker
Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus
Günther Heinze aus Gera war von 1954 bis 1958 in der Strafvollzugsanstalt Torgau inhaftiert und berichtet: „Dann wurde Transport gemacht und ich kam nach Torgau. Wir waren die ersten DDR – Verurteilten, die nach Torgau kamen und das waren achtzig Zeugen. Ansonsten waren alle andere Gefangenen vor dem russischen Tribunal verurteilt worden. Wir Zeugen wurden in einem Block ganz streng isoliert. Ich bin in Torgau schwer erkrankt und wurde daraufhin auch vorzeitig entlassen, weil damit gerechnet werden musste, dass ich die Haft nicht überlebe. Es waren Einmannzellen und wir waren dort zu viert untergebracht. Man hatte keine Bewegungsfreiheit, wenn man die Arme nach rechts und links ausstreckte, stieß man gegen eine Wand. Unter dem Fenster war ein Doppelstockbett, unter dem lag ein Strohsack, so dass einer auf der Erde schlafen musste und ein Bett war verankert in der Wand, das wurde tagsüber hochgeklappt. Wenn dann einer mal zwei oder drei Schritte in der Zelle auf und ab gehen wollte, mussten alle anderen sich an die Wand lehnen.“ (Eichler: Die Zeugen Jehovas in Gera, S. 47.)
Die in Torgau inhaftierten Zeugen Jehovas blieben ihrem Glauben treu, unterstützten sich in der Haft gegenseitig durch das Teilen von Nahrungsmitteln und hielten an ihrem Glaubensleben fest. (Frieser: Ganz normale Helden, S. 40.)
So schrieb der Leiter der Strafvollzugsanstalt über Willy Thiel: „Er hängt an seinem Glauben und bringt zum Ausdruck, daß ihm sein Glaube nicht genommen werden kann.“ (Bersch: Von Opfern des Faschismus, S. 17.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus
Frauen
Männer
- Konrad Drebinger
- Günther Heinze
- Walter Hempel
- Julius Hochgräfe
- Kurt Pützmann
- Joachim Richter
- Richard Rudolf, geb. Rudolph
- Willy Thiel
Gedenkzeichen
Die seit 1996 im Flaschenturm von Schloss Hartenfels gezeigte Dauerausstellung dokumentierte die Verfolgungsgeschichte des zum Tode verurteilten Zeugen Jehovas Friedrich Bicker. Seit August 2024 wird im Erinnerungsort Torgau eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Mut und Ohnmacht“ gezeigt. Darin wird derzeit nur die Biografie des Zeugen Jehovas Henoch Rauthe dargestellt, der 1950 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. (Eberlein/Haase/Oleschinski: Torgau im Hinterland, S. 105–106.)