Lodz (Łódź), Bibelhaus
Adresse
Zweigbüro von Jehovas Zeugen in Polen, Bibelhaus Lodz
Lodz, Rzgowskastraße 24, Polen (1940 bis 1945 im Generalgouvernement: Litzmannstadt, Heerstraße 24)
Informationen zum Ort
Jehovas Zeugen verlegten 1932 ihr polnisches Zweigbüro von Warschau nach Lodz. So entstand in der Rzgowskastraße 24 das Lodzer Bibelhaus. Nach einer Verfügung der Kreisverwaltung Lodz vom 19. März 1938 sollte die Religionsgemeinschaft ihre Tätigkeit einstellen, was zur Folge hatte, dass das Bibelhaus am 22. Mai 1938 offiziell geschlossen wurde. Am 5. Juni 1939 löste das Lodzer Woiwodschaftsamt die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Polen auf. Zu diesem Zeitpunkt gab es 55 Gemeinden mit 1.039 Mitgliedern im Land.
Dennoch scheint es, dass auch nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 und dem darauffolgendem Entstehen des Generalgouvernements, zu dem Lodz gehörte, das Bibelhaus eine Rolle in der illegalen Tätigkeit der Zeugen Jehovas gespielt hat.
Kein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren Jehovas Zeugen in Polen einer erneuten Verfolgung ausgesetzt. Im Februar 1946 verhaftete die Polizei alle Mitarbeiter des wiedereröffneten Zweigbüros in Lodz und das Amt für öffentliche Sicherheit begann die Glaubensaktivitäten der Religionsgemeinschaft zu überwachen. Am 21./22. April 1950 überfiel der polnische Sicherheitsdienst das Bibelhaus, durchsuchte es und verhaftet mehrere Mitarbeiter. Am 20./21. Juni 1950 erfolgte eine zweite Durchsuchung und die Verhaftung fast aller Mitarbeiter. Das Zweigbüros wurde versiegelt. Das war der Beginn einer landesweiten Verhaftungswelle von etwa 6.000 Zeugen Jehovas.
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Im Gebäude des ehemaligen Bibelhauses lebten bis 1945 mehrere Familien oder auch Einzelpersonen aus den Reihen der Zeugen Jehovas. Offenbar wurde auch nach der Schließung des Zweigbüros durch die polnischen Behörden 1938 und dem Verbot der Religionsgemeinschaft 1939 bis in die Zeit der deutschen Besatzung hinein hier illegale Arbeit geleistet, auch wenn der Kontakt der polnischen Zeugen Jehovas zum Zentraleuropäischen Büro in Bern in dieser Zeit verloren gegangen war.
So lebte Reinhold Zich mit seiner Familie sowie seine Tochter Irma Mantei mit ihrer Familie in der Zeit zwischen 1940 und 1944 im Bibelhaus. Auch Josef und Martha Friedrich lebten bis zu ihrer Verhaftung im Bibelhaus Lodz. Im Mai und Juni des Jahres 1942 verhaftete die Gestapo in Lodz 14 Frauen und 23 Männer, darunter sieben Personen, die im Gebäude des ehemaligen Zweigbüros wohnten.
Die Gestapo wies Irma Mantei nach, Literatur aus dem Bibelhaus beiseitegeschafft und versteckt zu haben. Ihrer Schwester wurde zur Last gelegt, eine Schreibmaschine aus dem Bibelhaus geholt und versteckt zu haben.
Josef Friedrich wurde im Mai 1942 in Polizeigefängnis für Männer, seine Frau Martha Friedrich im Polizeigefängnis für Frauen inhaftiert, bevor beide gemeinsam am 12. November 1942 von Lodz in das KZ Auschwitz gebracht wurden. Damit begann für beide einen Leidenszeit, die sie durch verschiedene Konzentrationslager führte.
(LA SB, LEA 14.246.)