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Widerstand in den Konzentrationslagern
Es gab einen spezifischen Widerstand der Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern, der auch den anderen Häftlingsgruppen auffiel und worüber mehrfach berichtet wurde. So schilderte z.B. die jüdische KZ-Gefangene Gabriele Herz über das Verhalten der Zeuginnen Jehovas in dem Frauenkonzentrationslager Moringen Ende 1936/Anfang 1937, dass sie die Teilnahme an der Winterhilfe abgelehnt hätten. In dem Frauen-KZ mussten die Insassinnen die Kleidersammlungen durchsehen und erneuern. Dies lehnten die Zeuginnen Jehovas ab, weil die Winterhilfe vom NS-Staat angeordnet worden sei.
Diese in Moringen begonnenen Weigerungen setzten sich in den Nachfolge-Frauen-KZ fort: In dem KZ Lichtenburg weigerten sie sich u.a., Führerreden auf dem Appellhofplatz anzuhören, was einen mehrwöchigen schweren Arrest zur Folge hatte. In dem Frauen-KZ Ravensbrück kam es am 19. Dezember 1939 zu der bisher schwersten dokumentierten Widerstandshandlung. An diesem Tag weigerte sich eine große Gruppe Zeuginnen Jehovas, Pistolentäschchen für Wehrmachtssoldaten zu nähen. Hieran schloss ein mehrmonatiger Konflikt an, bei dem die Lagerleitung versuchte, mit härtesten Repressalien den Widerstand der Zeuginnen Jehovas zu brechen und der viele Opfer unter den Zeuginnen Jehovas forderte. Dies wiederum führte dazu, dass es in der Häftlingsgruppe zu Fraktionierungen kam.
Die grundsätzliche Haltung der Zeugen Jehovas, bestimmte Arbeiten oder Ehrerbietungsgesten zu verweigern führte dazu, dass diese Häftlingsgruppe zu einem „besonderen Hassobjekt der SS“ (Garbe, S. 407) wurde. Da sie zudem versuchten, unter den Häftlingen zu missionieren, wurden sie von den anderen Häftlingsgruppen isoliert, was wiederum dazu führte, dass sie in dieser Isolation ihre religiösen Glaubensvorstellungen weiterführen konnten. So ist es sogar zu Taufen in den KZ gekommen.
Zu dem Versuch, diese widerständige Haltung der Zeugen Jehovas zu brechen, gehörte auch die öffentliche Hinrichtung von August Dickmann am 15. September 1939 im KZ Sachsenhausen. Dickmann war Kriegsdienstverweigerer und beharrte auch im KZ auf seine Weigerung. Darauf wurde er vor den Augen aller Häftlinge des Lagers erschossen. Über die Hinrichtung wurde in der Weltpresse berichtet.
Im KZ Mauthausen weigerten sich mehrere Dutzend Zeugen Jehovas den Wehrpass zu unterschreiben und dokumentierten damit ihre Kriegsdienstverweigerung.
Im KZ Niederhagen druckten sie religiöse Schriften und schmuggelten diese aus dem Lager heraus, von wo aus sie sich weit verbreiteten, wobei es ihnen sogar zeitweise gelang, unter den KZ ein Kuriernetz aufzubauen. Die im KZ Ravensbrück erstellten „Briefe. Nachrichten für die Zeugen Jehovas und ihre Gefährten“ wurden im ganzen deutschen Reich verbreitet (Garbe, S. 447)
Eine Gegenreaktion der Lagerleitungen war, dass die Häftlingsgruppe auf alle Baracken der jeweiligen Lager verteilt wurde, mit der Folge, dass sie unter den Häftlingen missionierten.
Eine weitere Gegenmaßnahme war, dass die Gestapo ihre Ermittlungen nun auch in den KZ durchführen musste, um diese widerständigen Aktivitäten zu unterbinden, ohne wirklichen durchgreifenden Erfolg zu haben.
Hans Hesse, 2026
Literaturhinweise
Bersch, Falk, Selbstbehauptung, Verweigerung, Widerstand – Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus, in: Heinz, Daniel/Schendel, Gunther (Hg.): Anpassen, Bekennen, Widerstehen? Kleinere Kirchen, Religionsgemeinschaften und Missionswerke unter der NS-Herrschaft, Göttingen 2027 (erscheint im Frühjahr 2027)
Garbe, Detlef: Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, 3., überarb. Aufl., München 1997.
Hesse, Hans/Harder, Jürgen: „Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müßte...“ Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück, Essen 2001, S. 147–172.