Moringen, Konzentrationslager
Adresse
Moringen, Frühes Konzentrationslager (1933)
Moringen, Frauen-Konzentrationslager (1933 bis 1938)
Moringen, Jugend-Konzentrationslager (1940 bis 1945)
Lager für Displaced Persons (1945 bis 1951)
Niedersächsisches Landeskrankenhaus Moringen (ab 1954/66)
Maßregelvollzugszentrum Moringen (seit 2011)
Moringen, Lange Straße 32, Deutschland
Informationen zum Ort
Die Gebäude des späteren Konzentrationslagers Moringen wurden 1732 als Waisenhaus errichtet. Sie dienten von 1818 bis 1944 als Werkhaus, in das Personen, die der „Bettelei“ oder „Landstreicherei“ beschuldigt wurden, zur „Besserung“ kamen. Parallel dazu entstand im April 1933 in einem Teil des Gebäudekomplex eines der ersten Konzentrationslager der NS-Diktatur, in dem überwiegend Männer inhaftiert waren. Das Konzentrationslager wurde im November 1933 aufgelöst und viele Häftlinge in die Emslandlager überstellt.
Aus der Frauenschutzhaftabteilung des Lagers entstand ab Oktober 1933 ein eigenes Frauenlager, dass seit März 1934 als zentrales Frauen-Konzentrationslager für ganz Preußen diente. Später kamen auch Frauen aus anderen deutschen Ländern nach Moringen. In den fünf Jahren des Bestehens des Frauen-KZ Moringen waren 1.350 Personen dort inhaftiert, unter ihnen mindestens 391 Zeuginnen Jehovas.
Die erste Zeugin Jehovas kam am 9. Januar 1935 nach Moringen. Bis August des Jahres stieg die Anzahl auf 18 und die Zeuginnen Jehovas bildeten bereits zu diesem Zeitpunkt in Moringen die zahlenmäßig größte Häftlingsgruppe. Die Frauen blieben 1935 in der Regel in Moringen nur solange in Schutzhaft, bis ihnen in ihrer Heimat der Prozess gemacht wurde. Nach dem Gestapa-Erlaß vom 22. April 1937, nachdem alle Zeugen Jehovas nach Verbüßung ihrer Strafhaft in Schutzhaft zu nehmen seien, stieg die Zahl der in Moringen inhaftierten Zeuginnen bis zum Jahresende von 14 auf 249. Damit waren zu diesem Zeitpunkt 89 Prozent aller in Moringen inhaftierten Frauen Zeuginnen Jehovas.
Ende des Jahres 1937 waren 89 Prozent aller in Moringen inhaftierten Frauen Zeuginnen Jehovas.
Tagsüber wurden die Frauen im zweiten Obergeschoß des Gebäudes meist mit Näh- und Strickarbeiten beschäftigt, manchmal verrichteten sie in der Nähe auch Erntearbeiten. Nachts schliefen sie im - im Winter unbeheizten - Dachgeschoß des Gebäudes.
Ende März 1938 wurde das Frauen-KZ Moringen aufgelöst. Die Häftlingsfrauen waren zuvor in drei Transporten zum neu entstandenen Frauen-KZ Lichtenburg transportiert worden,
am 15. Dezember 1937 200 Frauen, darunter 97 Zeuginnen Jehovas,
am 21. Februar 1938 150 Frauen, darunter 148 Zeuginnen Jehovas und
am 21. März 1938 noch einmal 164 Frauen, darunter mindestens 8 Zeuginnen Jehovas.
Viele der Frauen wurden ab Mai 1939 in das KZ Ravensbrück überführt, wo sie bis Kriegsende verblieben.
In den Gebäuden in Moringen richtete die SS im Juni 1940 das erste Konzentrationslager für Jugendliche im Alter von 13 bis 22 Jahren ein, das mindestens 1.400 Personen durchliefen. Der Zeuge Jehovas Jonathan Stark kam 1944 als 18-jähriger in das Jugend-KZ Moringen, weil er keinen Eid auf Hitler leistete. Er wurde am 1. November 1944 wegen Verweigerung des Arbeitsdienstes im KZ Sachsenhausen hingerichtet.
Nach der Befreiung im April 1945 wurde im ehemaligen KZ Moringen ein Lager für „displaced persons“ eingerichtet, überwiegend für ehemalige polnische Zwangsarbeiter, die dort bis 1951 lebten. Unter der 1966 eingeführten Bezeichnung Niedersächsisches Landeskrankenhaus Moringen betreute das Land Niedersachsen seit 1954 in den Gebäuden chronisch alkoholkranke Personen. Das dortige forensisch-psychiatrische Krankenhaus besteht seit 2011 unter dem Namen Maßregelvollzugszentrum Moringen.
(Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 28–65.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Die Zeuginnen Jehovas verweigerten im Frauenkonzentrationslager Moringen den „Deutschen Gruß“. (Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 80.)
Maria Chrupalla, die zweite im Januar 1935 im KZ Moringen inhaftierte Zeugin Jehovas, fiel Lagerdirektor Hugo Krack als „besonders fanatisch“ auf, da sie bei anderen Häftlingen missionierte und deswegen von ihm isoliert wurde. (Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 79 f.)
Ende des Jahres 1936 erhielt das KZ Moringen den Arbeitsauftrag, Kleidung aus Sammelaktionen des Winterhilfswerks (WHW) auszubessern. Da das WHW zur Gesinnungsüberwachung instrumentalisiert wurde und die Einnahmen den Kriegsvorbereitungen dienten, lehnten die Zeuginnen Jehovas im KZ Moringen diese Tätigkeit geschlossen ab. Sie wurden daraufhin von anderen Häftlingen isoliert und erhielten für mehrere Monate eine Postsperre, was den Empfang von Hilfspaketen und Geldsendungen von Familienangehörigen und Freunden einschloss. (Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 80–85.)
Die Zeuginnen Jehovas führten in Moringen illegale Taufen durch. So ließ sich Hedwig Handke von ihren Glaubensschwestern als Zeugin Jehovas taufen. (Griebel: Christliche Religionsgemeinschaften Zittau, S. 19.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frauen
- Erna Bechstein
- Anna Bäume, geb. Kilian
- Maria Chrupalla, geb. Draheim
- Carolina Dietz, geb. Schäfer
- Marie Erdmann, geb. Stüber
- Alma Fehse
- Paula Fiebig, geb. Böhme
- Anna Firch
- Margarete Frank, geb. Bäumler
- Martha Gehrke, geb. Gillmann
- Anna Hedwig Handke, geb. Brauer
- Gertrud Hartmann, geb. Drechsler
- Emma Haubitz, geb. Altmann
- Berta Henning, geb. Teske
- Martha Knie, geb. Hagemeister
- Hermine König, geb. Müller
- Marie Leininger, geb. Kramer
- Erna Ludolph
- Erna Mauch
- Berta Maurer, geb. Männer
- Amanda Neumuth, geb. Maaß
- Amalie Pellin, geb. Walendy
- Maria Pomaska
- Martha Schröder
- Marie Herta Werner, geb. Siebeneichler
Männer
Gedenkzeichen
In der Nähe des ehemaligen Gebäudekomplexes befindet sich in der Langen Straße 58 seit 1993 die Gedenkstätte für die Moringer Konzentrationslager. Bei dem Gebäude handelt es sich um das Torhaus des Einbecker Tors der ehemaligen Stadtbefestigung. Nach einer Voranmeldung kann man eine geführte Tour durch Teile des ehemaligen Konzentrationslagers unternehmen.
In der multimedialen Installation „Eingang“ in der Eingangshalle des ehemaligen Moringer Konzentrationslagers werden eine Vielzahl Biografien von Verfolgten des Nationalsozialismus vorgestellt, die in Moringen inhaftiert waren. In einer audiovisuellen Inszenierung geht es um die Ankunft der Häftlinge, die Orientierungslosigkeit, Demütigung vor Ort und auch die Gewalterfahrungen in Moringen. Stellvertretend für die Zeuginnen Jehovas werden in Filmsequenzen Herta Siebeneichler, Erna Ludolph und Alma Fehse zitiert oder anderweitig dargestellt. Hermine König mit einer eigenen Biografie-Schublade vorgestellt.