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Niederhagen/Wewelsburg, Konzentrationslager

Adresse

SS-Kultstätte Wewelsburg
Kreismuseum Wewelsburg mit Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 (seit 1982)
Büren OT Wewelsburg, Burgwall 17, Deutschland

Konzentrationslager Niederhagen
GeDenkOrt (seit 2024)
Büren OT Wewelsburg, Ahornstraße 2, Deutschland

Informationen zum Ort

Reichsführer-SS Heinrich Himmler plante schon 1933 die in der Nähe von Paderborn gelegene Wewelsburg als ideologisches Schulungszentrum für die SS einzurichten. Im Laufe der 1930er Jahre wurde das Bergschloss mehr und mehr eine abgeschottete, zentrale Versammlungsstätte für die höchsten SS-Offiziere. Dafür hielt Himmler Umbaumaßnahmen erforderlich, die das Schloss „burgähnlicher“ und trutziger wirken lassen sollten. Bis 1938 arbeitete der Reichsarbeitsdienst an der Wewelsburg, danach wurden an seiner Stelle KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Im Mai 1939 trafen die ersten Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen ein. Hierbei handelte es sich um ca. 100 so genannte BV-Häftlinge, welche häufig eine kriminelle Vorgeschichte hatten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten an der Wewelsburg eingestellt und die Häftlinge kehrten nach Sachsenhausen zurück. Jedoch nicht für lange. Für den 12. Dezember 1939 ist ein Transport von 60 weiteren BV-Häftlingen aus Sachsenhausen nach Wewelsburg vermerkt. Die Häftlinge bauten zwei Häftlingsbaracken und eine Baracke für die SS-Wachmannschaft. Dieses sogenannte „Kleine Lager“ wurde mit Stacheldraht umzäunt. Nachdem im Januar 1940 ein Fluchtversuch zweier Häftlinge tödlich endete, war die Bevölkerung aufgeschreckt. Um die Lage zu beruhigen wurde das BV-Kommando gegen Bibelforscher ausgetauscht, von denen man keine Schwierigkeiten erwartete. Die ersten 70 Bibelforscher-Häftlinge trafen am 16. Februar 1940 aus Sachsenhausen mit Omnibussen ein. Am 30. Februar 1940 kamen 30 weitere Bibelforscher-Häftlinge aus Sachsenhausen und am 12. März 1940 dann noch einmal 20. Auch aus dem Lager Buchenwald trafen am 25. Mai 1940 100 Bibelforscher ein. Schließlich befanden sich 220 Zeugen Jehovas in Wewelsburg. Sie wurden dort zu unterschiedlichen Arbeiten herangezogen. Ein Großteil war damit beschäftigt, am Ortsrand von Wewelsburg ein größeres Schutzhaftlager zu errichten. Im August 1940 zogen dann die Häftlinge vom „Kleinen Lager“ in das neue zunächst aus vier Baracken bestehende Lager.

Nachdem im September 1940 hunderte weitere deutsche Häftlinge aus Sachsenhausen und Buchenwald in Wewelsburg eintrafen, waren die Bibelforscher in der Minderheit. Am 7. Januar 1941 wurde das Kommando Wewelsburg ein Außenlager des KZ Sachsenhausen. Weitere deutsche Häftlinge aus Sachsenhausen und Buchenwald trafen ein. Himmler trieb seinen Plan, die Wewelsburg zu einem zentralen Ort für SS-Gruppenführer zu etablieren, voran. Hier sollte das auf Terror und Vernichtung zielende politische, militärische und rassistische Selbstverständnis gestärkt werden.

Am 1. September 1941 wurde das Lager – wohl aus wirtschaftlichen Gründen – in ein selbstständiges Hauptlager umgewandelt. Himmler befahl am 15. Oktober 1941 die Bezeichnung „Konzentrationslager Niederhagen“ zu verwenden, wohl um das KZ nicht mit dem Bauprojekt Wewelsburg in Verbindung zu bringen. Das Hauptlager erhielt nun ein eigenes Standesamt und Krematorium. 1941 musste das Lager erheblich vergrößert werden, da weitere Häftlingstransporte aus Sachsenhausen eintrafen. Es entstanden 14 Unterkunfts- und Funktionsbaracken. Im folgenden Jahr kamen immer mehr polnische und sowjetische Häftlinge ins Lager. Die SS reduzierte die Nahrungsrationen und verschärfte die Strafen. Als Folge stieg die Todesrate unter den Häftlingen drastisch an. Ab Juni 1942 wurden von den rheinischen und westfälischen Stapoleitstellen auch Zivilarbeiter ins KZ Niederhagen eingewiesen. Die Gestapoleitstellen nutzten das Lager auch als Hinrichtungsstätte. Ab Februar 1945 befand sich in der Wewelsburg auch der ausgelagerte Dienstsitz der Gestapostelle Düsseldorf.

Ab Januar 1943 wurden hunderte Häftlinge nach Sachsenhausen und Dachau überstellt. Im Frühjahr desselben Jahres musste Himmler dann sein weltanschauliches Bauprojekt „Wewelsburg“ zugunsten der Kriegsanstrengungen einstellen. Das KZ Niederhagen wurde aufgelöst, zu diesem Zeitpunkt befanden sich mehr als 1.300 Häftlinge darin. Etwa 400 Häftlinge wurden am 6. April in das Männerlager Ravensbrück transportiert, das betraf auch Zeugen Jehovas. Weitere Zeugen Jehovas wurden am 12. April 1943 mit 337 sowjetischen und deutschen Häftlingen nach Buchenwald überstellt. Fünf weitere Bibelforscher-Häftlinge kamen am 30. Mai bzw. 2. Juni 1943 in das KZ Bergen-Belsen. Der offizielle Auflösungstermin des KZ Niederhagen war der 30. April 1943. Zu dieser Zeit befanden sich noch 150 bis 200 Lagerinsassen dort, hauptsächlich Bibelforscher. Von diesen verblieb noch ein dem KZ Buchenwald unterstelltes Außenkommando („Restkommando“) von 40 Zeugen Jehovas und zwei politischen Häftlingen. Das Lagergelände diente nun als Umsiedlerlager für „Volksdeutsche“ aus Südosteuropa und als „Wehrertüchtigungslager“ für Angehörige der Hitlerjugend. Die Häftlinge bezogen die Werkstattbaracke des Industriehofes. Sie übernahmen kleinere Arbeiten im Dorf und Lager.

Kurz bevor die amerikanischen Truppen am 2. April 1945 die Wewelsburg erreichten, ließ Himmler das Schloss sprengen. Die Amerikaner waren überrascht, in Wewelsburg KZ-Häftlinge vorzufinden. Diese erhielten Zivilkleidung und konnten in den Baracken und früheren Häusern ihrer Bewacher wohnen. Bereits am 14. April 1945 luden die ehemaligen Häftlinge die Dorfbewohner von Wewelsburg zum ersten Gottesdienst der Zeugen Jehovas in das Gemeindehaus ein. Die meisten Häftlinge verließen im Laufe des Sommers Wewelsburg, einige wurden jedoch dort sesshaft und holten ihre Familien nach.

(Brebeck/Huismann/John-Stucke/Piron, Endzeitkämpfer, S. 19 f., 190f., 209, 292 ff., 311 ff., 322 ff., 375 ff.; John-Stucke, Niederhagen/Wewelsburg-Stammlager, S. 19 ff, 27.; Hollweg: Es ist unmöglich, S. 202 ff.; Bersch: Aberkannt, S. 43–47. Krüger: Eine Bibel, S. 38, 39, 59.)

Westansicht der Wewelsburg mit Tarnanstrich, 1944.
Westansicht der Wewelsburg mit Tarnanstrich, 1944 (Kreismuseum Wewelsburg, Fotoarchiv 1.4.3.5).
Luftaufnahme der Wewelsburg.
Luftaufnahme der Wewelsburg, 2021 (Kreismuseum Wewelsburg, Fotograf: Luca Backhaus).
In einem Innenhof laufen zwei zweistöckige Gebäudeflügel aus grob gehauenen Steinen spitz auf einen breiten Turm mit Flachdach zu.
Blick vom Innenhof der Wewelsburg zum wuchtigen Nordturm, in dem Himmler eine SS-Kultstätte einrichten wollte, 2023 (Privatarchiv T. Martin Krüger, Fotograf: T. Martin Krüger).
Von Südwesten blickt man über ein bewaldetes Gelände auf die helle Wewelsburg, die durch einen dreieckigen Grundriß und ein Satteldach auf den drei Flügeln auffällt.
Die Wewelsburg von Südwesten, 2023 (Privatarchiv T. Martin Krüger, Fotograf: T. Martin Krüger).

Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus

Schon vor der Auflösung des Lagers hatten Jehovas Zeugen im KZ Niederhagen ihre Überzeugung bewahrt und den Versuchen der SS widerstanden, sie von ihrem Glauben abzubringen. Ab Dezember 1942 gab es durch Glaubensschwestern, unter ihnen Sophie Horstmeier, eine heimliche Versorgung der Bibelforscherhäftlinge mit religiöser Literatur. Die Texte wurden in einem „toten Briefkasten“ in der Häftlingsgärtnerei am Bahnhof von Wewelsburg versteckt und von Hermann Struthoff, der in der Gärtnerei arbeiten musste, ins Lager geschmuggelt. Und die Zeugen hatten den Freimut, sich offen zu ihrer Überzeugung zu bekennen. Im Sommer 1942 hatte Otto Hamann mit einem Zivilarbeiter auf einer Baustelle gesprochen und dabei Bibelsprüche zitiert, was ihm sechs Wochen Strafarbeit eingebracht hatte. Willy Thiel, der Russisch sprach, sollte als Dolmetscher eingesetzt werden, was er ablehnte, weil er „es mit [seinem] christlichen Gewissen nicht vereinbaren konnte, die sowjetischen Häftlinge in die Hände der SS zu spielen“. Daraufhin wurde er von der SS zusammengeschlagen, später auf den Bock geschnallt und ausgepeitscht. Andere Zeugen Jehovas teilten mit den hungernden Russen heimlich ihre kärglichen Brotrationen. Nach der Auflösung des KZ Niederhagen konnten sich die verblieben Häftlinge bei ihren Arbeiten im Dorf und im Lager teilweise frei bewegen. Lediglich fünf SS-Männer waren zu ihrer Bewachung verblieben. So begannen die Bibelforscherhäftlinge ab dem Winter 1943 selbst religiöse Texte abzuschreiben und zu vervielfältigen, um sie dann auf dem bewährten Weg über die Häftlingsgärtnerei aus dem Lager herauszuschmuggeln.

(Brebeck/Huismann/John-Stucke/Piron, Endzeitkämpfer, S. 277 f., 341 f.; Hollweg: Es ist unmöglich, S. 140 f.; Bersch: Aberkannt, S. 43–47.)

Gruppenbild: Befreite Zeugen Jehovas aus dem KZ Wewelsburg, 1945.
Befreite Zeugen Jehovas aus dem KZ Wewelsburg, 1945 (JZArchZE).

Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

220

Männer

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand

Gedenkzeichen

Im Kreismuseum Wewelsburg wurde unter dem Namen „Wewelsburg 1933–1945: Kult- und Terrorstätte der SS“ 1982 die erste zeitgeschichtliche Ausstellung im ehemaligen Wachgebäude der Wewelsburg eröffnet, die die Tätigkeiten der SS in Wewelsburg und die Geschichte des hiesigen Konzentrationslagers dokumentierte.

Am 4. Oktober 1997 fand im Kreismuseum Wewelsburg die erste wissenschaftliche Tagung in Deutschland statt, die dem Widerstand und der Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus gewidmet war.

Im Jahr 2000 begannen die Planungen für eine Neukonzeption der Ausstellung, die 2010 unter dem Titel „Ideologie und Terror der SS“ in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 eröffnet wurde. Die Ausstellung räumt der Opfergruppe der Zeugen Jehovas in der Wewelsburg bzw. im KZ Niederhagen mit einer Vielzahl von Dokumenten, Fotografien, Tondokumenten und Exponaten einen gebührenden Platz ein. Zu den Exponaten von über 20 verschiedenen inhaftierten Zeugen Jehovas gehören z. B. ein Gedicht und eine Heiratserlaubnis von Max Hollweg, Rechnungen für den Bau eines Cellos und ein Bericht über die illegale Herstellung von Schriften von Georg Klohe, eine Häftlingspersonalkarte mit Strafeinträgen von Johann Rachuba, ein Ölgemälde und ein Glasmosaik von Paul Buder, Briefe an die Familie von Karl Truckenbrodt und Heinrich Schürmann, sowie Audio-Interviews von Leopold Engleitner, Joachim Escher, Max Hollweg und Josef Rehwald.

Ein neuer GeDenkOrt befindet sich im Seitentrakt der ehemaligen Häftlingsküche des KZ Niederhagen. Die dortige Ausstellung präsentiert die Geschichte des ehemaligen Lagergeländes und erzählt die Schicksale vieler Menschen, die mit dem Barackenlager in Verbindung standen. Sie wurden als KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Umsiedlerinnen und Umsiedler nach Wewelsburg deportiert.

(John-Stucke: Widerstand aus christlicher Überzeugung; Krüger: Eine Bibel, S. 65.)

Der GeDenkOrt Wewelsburg.
Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 (Kreismuseum Wewelsburg, Fotografin: Lina Loos).
Foyer der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg.
Foyer der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg (Kreismuseum Wewelsburg).
Impressionen aus der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg.
Die Ausstellung der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. An der rückwärtigen Wand erkennt man die großen Portraits der Zeugen Jehovas (v.r.) Joachim Escher, Josef Rehwald und Max Hollweg (Kreismuseum Wewelsburg, Fotograf: Matthias Groppe).
Ein in einem Koffer verbautes Grammophon ist geöffnet und es liegt eine Schallplatte auf dem Gerät.
Vor seiner Verhaftung hatte Georg Klohe in einem selbst gebautem Aufnahmestudio mit seinem Sohn bis zu fünf Schallplatten mit biblischen Vorträgen gleichzeitig hergestellt und anschließend im Ofen eines befreundeten Bäckers gehärtet (Privatarchiv T. Martin Krüger, Original im Kreismuseum Wewelsburg ausgestellt).
Eine blau-weiß-gestreifte Sommerjacke aus Baumwolle mit Metallknöpfen und einem aufgenähten lilafarbenen Stoffwinkel mit der Häftlingsnummer 13598.
Der lila Winkel auf der Häftlingsjacke von Max Schubert kennzeichnete ihn als Zeugen Jehovas (Privatarchiv T. Martin Krüger, Original im Kreismuseum Wewelsburg ausgestellt).

Vom 31. März bis 16. April 2023 war im Burgsaal der Wewelsburg die Ausstellung „Eingeliefert ins KZ“ zu sehen, in der Aquarelle von Johannes Steyer gezeigt wurden, die er in den 1970er Jahren über seine zehnjährige Haft in verschiedenen Konzentrationslagern angefertigt hatte. Aus diesem Anlass wurden erstmals acht bisher unveröffentlichte Bilder gezeigt, so dass nun ein Zyklus aus insgesamt 35 Aquarellen zu sehen war.

Sieben Männer und fünf Frauen stehen in einm Aussellungsraum. An der Wand hinter ihnen hängen 12 Aquarelle.
An der Eröffnung der Ausstellung der Steyr-Aquarelle im Burgsaal der Wewelsburg nahmen teil: (v.l.n.r.) der stellv. Landrat Hans-Bernd Janzen, Museumsleiterin Kirsten John-Stucke, Gottfried Steyer (J. Steyers Sohn) mit Ehefrau Ute, Carina Rossille (J. Steyers Enkelin), Margit und Christian Steyer (J. Steyers Sohn), Wolfram Slupina (Öffentlichkeitsreferent Jehovas Zeugen), Marcel Nau (Pressesprecher Jehovas Zeugen NRW), Fabian Göser und weitere Besucher (Privatarchiv T. Martin Krüger, Fotograf: T. Martin Krüger).

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