Karl Hermann Emter
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- Vorname(n)
- Karl Hermann
- Nachname
- Emter
- Geburtsdatum
- 7. April 1904
- Geburtsort
- Hausen am Tann, Deutschland
- Todesdatum
- 9. Juli 1990
- Todesort
- Müllheim im Markgräflerland, Deutschland
- Beruf
- Maurermeister, Bauunternehmer, Inhaber eines Gips- und Stukkateurbetriebs
- Erstkontakt und/oder Taufe
- Kontakt mit den Bibelforschern seit 1924, Taufe 1926
Biographische Orte
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Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus
- Elisabeth Emter, geb. Koch (Ehefrau)
Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus
Nach dem Verbot der Zeugen Jehovas am 15. Mai 1933 in Baden praktizierte Hermann Emter seinen Glauben im Untergrund weiter. So traf er sich am 7. Oktober 1934 morgens mit Freiburger Glaubensbrüdern, um einen Protestbrief gegen die Verfolgung der Zeugen Jehovas an Adolf Hitler zu senden.
Im September 1939 besuchten Hermann und Elisabeth Emter verbotenerweise einen Kongress der Zeugen Jehovas in Luzern. Für den 7. September war ein besonderer Vortrag angekündigt, der jedoch inzwischen vom Schweizer Regierungsrat verboten worden war. Als die Polizei das Gebäude umstellte, waren viele Besucher aber bereits im Saal. Hermann Emter berichtete: „Unvergesslich blieb mir der Kongress in Luzern, wo Bruder Rutherford sagte, wer sich fürchtet, möge jetzt den Saal verlassen, da ein Polizeiaufgebot aufgestellt sei, um die Öffentlichkeit daran zu hindern, den Vortrag zu hören. Auf die damals in Deutschland herrschende Verfolgung Bezug nehmend, sprach er: ‘Sage dem Fuchs (Deutschland), heute und morgen werde ich noch Kranke heilen.’ Die Gestapo hatte auch Spitzel dort, durch das Mikrofon wurde bekannt gegeben, dass mein Wagen fotografiert worden ist. Nach Beendigung des Vortrags wurden die Furchtlosen aufgefordert, eine Resolution zu verteilen. Vor dem Saal war eine Polizeikette aufgestellt, die verhindern sollte, dass die Resolution an die Bevölkerung verteilt werde. Ein Beamter sagte mir, dass die Resolution nicht verteilt werden dürfe. Ich erklärte ihm, er müsse als erster eine solche Resolution haben. Spontan griff er danach, andere folgten meinem Beispiel und die Kette war durchbrochen. Die ganze Bevölkerung vor dem Saal erhielt dann die Resolution.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 63.)
Spitzel der Gestapo waren nach Luzern gekommen und fotografierten die Anwesenden. So kam es, dass Hermann Emter bereits einen Monat später am 16. Oktober 1936 in Freiburg verhaftet wurde. Am 26. Februar 1937 verurteilte das Sondergericht Mannheim zwölf Freiburger Zeugen Jehovas. Hermann Emter erhielt eine Haftstrafe von sieben Monaten. Aufgrund der sechsten Schwangerschaft seiner Frau erhielt er jedoch bis zum 1. September 1937 Haftverschonung. Statt dann die Haft anzutreten, fuhr er am 2. September zusammen mit Albert Wandres, einem leitenden Prediger der Religionsgemeinschaft, mit dem Zug nach Dresden, um heimlich Literatur nach Schlesien zu bringen. Aufgrund eines Verrats wurden sie dabei beobachtet, verhaftet und am 4. September 1937 in Dresden stundenlang brutal geschlagen. Später berichtete Hermann Emter was als Nächstes geschah: „Wir mussten mit dem Gesicht zur Wand stehen und zwar gegenüber; etwa zehn Meter auseinander in dem Saal. Dann markierten sie, wie sie uns die Zunge herausschneiden werden. Einer sagte ‘die Zunge ist so glatt’, darauf sagte der andere: ‘Nehme ein Taschentuch, der hat sicher ein Taschentuch, und ziehe sie ihm heraus.’ Und dann ahmten sie nach, sie röchelten im Hals, das war alles so echt, dass man glaubte, dass uns die Zungen herausgeschnitten wurden. Bruder Wandres glaubte, sie würde mir herausgeschnitten, und ich glaubte es von ihm. Sie ahmten alles nach: ‘Streich ihm doch das Blut weg’ usw.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 87, 88.)
Von Dresden wurde Hermann Emter nach Berlin zu weiteren Verhören gebracht, bevor er am 14. Oktober 1937 im Bezirksgefängnis II von Karlsruhe inhaftiert wurde. Das Sondergericht Mannheim verurteilte ihn im Schnellverfahren am 26. April 1938 zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Zur Strafverbüßung kam er in das Gefängnis in Freiburg. Dort erhielt er den Auftrag die 750 Zellentüren zu lackieren. Dadurch konnte er an jeder Tür über seinen Glauben sprechen. Nach Ablauf der Strafhaft wurde er in Schutzhaft genommen und traf am 28. Juni 1939 im Konzentrationslager Dachau ein, wo der den lila Winkel mit der Häftlingsnummer 33.906 trug. Als erfahrener Bauhandwerker wurde er bald in das KZ-Außenlager Sudelfeld überstellt, das Dachau unterstand. Dort arbeiteten zu diesem Zeitpunkt ausschließlich Zeugen Jehovas, die für die SS in den Alpen zusätzliche Einrichtungen für ein SS-Erholungsheim bauen mussten.
Im September 1939 wurden alle Häftlinge aus Sudelfeld zurück in das KZ Dachau beordert, das wenig später vorübergehend komplett geräumt wurde. Hermann Emter kam am 29. September 1939 in das Konzentrationslager Mauthausen. „Vier Wochen lang wurde ich zweimal am Tage geschlagen,“ berichtete er später.
Mit 25 Zeugen Jehovas wurde Hermann Emter am 18. Februar 1940 zurück ins KZ Dachau gebracht. Dort trug er inzwischen die Häftlingsnummer 1.199. Man beschuldigte ihn als Rädelsführer verantwortlich dafür zu sein, dass Zeugen Jehovas nicht die geforderte Erklärung unterschrieben, mit der sie ihrem Glauben verleugnet hätten. Ihm wurden zwei Fingerkuppen der linken Hand abgeklemmt. Über einen Scharführer berichtete er: „Er schlug mich immer so lange auf den Kopf, bis ich wie ein Betrunkener taumelte [...] So befand ich mich wieder in besonderer Lebensgefahr.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 101.) Einige SS-Leute planten seine Hinrichtung für den 30. November 1940. Doch in dem Moment, in dem der Henker erschien, kam auch der Lagerschreiber, der ihn zum Kommandanten bringen sollte. Hermann Emter wurde noch am gleichen Tag mit fünf weiteren Baufachleuten in das KZ Flossenbürg gebracht. Darüber berichtete er:
„Als ich dort ankam, hatte ich wieder Literatur unter den Kleidern. Wir mussten uns aber ganz ausziehen und die Kleider mussten liegen bleiben. Wir mussten in ein Sagrotan-Fass hinein um desinfiziert zu werden. Zum Glück konnte ich einem Lagerältesten, der alles im Auftrag der SS lenkte, ein Gefangener von Stuttgart, sagen: ‚Sei doch so gut und bring mir heimlich meine Kleider rüber.’ Wenn diese Kleider nicht auf den anderen Stoß gekommen wären und die Gestapo hätte die biblische Literatur gefunden, dann wäre das der sichere Tod für mich gewesen.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 104)
Im KZ Flossenbürg erhielt Hermann Emter die Häftlingsnummer 139. Bei seiner Ankunft mussten die Zeugen Jehovas zunächst noch den roten Winkel der politischen Häftlinge tragen. Einmal wurde er an einen Baum gehängt, weil seine Kaffeetasse nicht sauber war. Im Juli des gleichen Jahres wurde seine Ehefrau Elisabeth Emter, die sich seit Januar 1940 ebenfalls in Haft befand, in Bernburg vergast. Am 10. August 1942 wurde Hermann Emter von Flossenbürg mit Übernachtung im Gefängnis in Leipzig zum Konzentrationslager Buchenwald überführt, wo er am 17. August ankam und die Häftlingsnummer 4.513 erhielt. Hermann Emter erinnerte sich: „Eines Tages gab der Kommandant bekannt, Hunde dürfen nicht mehr auf Gefangene gehetzt werden. Am nächsten Tag ließen die SS-Leute die Hunde aber doch auf die Gefangenen los. Ich erlaubte mir, im Interesse der Mitgefangenen zu sagen, sie möchten doch den Befehl des Kommandanten beachten. Daraufhin wurden Sie rasend, hetzten dann die Hunde auf mich. Diese verbissen mir den linken Arm. Die Brüder im Revier legten mir Verband an. Doch die SS schwor sich, mich zu beseitigen. Das sollte durch eine Handgranate geschehen, die ich durch eine Tasche wegtransportieren sollte. Beim Experimentieren, um sie auf eine bestimmte Zeit einzustellen, explodierte die Granate; 3 SS-Männer wurden sofort getötet, ein Vierter zum Schwerinvaliden gemacht.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 97.)
In Buchenwald wurde Hermann Emter Vorarbeiter. Max Liebster, ein jüdischer Häftling, erinnerte sich: „Zu den Arbeitern, die sich abends von der Arbeit zurückschleppten, gehörte Fritz Heikorn, ein jüdischer Intellektueller. Unter der Aufsicht von Hermann Emter, einem Bibelforscher, versuchte Fritz krampfhaft, eine gerade Mauer zu setzen. Emter war ihm ein geduldiger Lehrmeister. Er schützte Fritz vor harten Strafen, indem er seine Arbeit begradigte. Gleichzeitig sprach er mit Fritz über seinen Glauben und seine Hoffnung.“ (Neumann: NS-Herrschaft, S. 124.)
Auch der junge, russische Zwangsarbeiter Alexei Nepotschatov wurde wahrscheinlich im Jahr 1943 der Arbeitsgruppe von Hermann Emter zugeteilt. Wie Fritz Heikorn nahm auch er noch im KZ den Glauben der Zeugen Jehovas an. Als er 1944 in das KZ Mittelbau-Dora überstellt wurde, sagte Hermann Emter zu ihm: "Wir beten für dich und für alle, die auf die Botschaft hören." Tatsächlich überzeugte Alexei Nepotschatov in Mittelbau-Dora drei weitere russische Gefangene von seinem Glauben.
Einige Zeit verbrachte Hermann Emter noch in dem KZ-Außenlager Ohrdruft, das dem KZ Buchenwald unterstand. Dort war er in der SS-Küche tätig. Am 3. April 1945 wurde das Lager geräumt und die verbliebenen Häftlinge mussten in einem 80 km langen Todesmarsch zurück nach Buchenwald marschieren. Der Küchenchef gab ihm mehrere große Fleischportionen mit, die er mit anderen Glaubensbrüdern teilte. Im Lager herrschte Anarchie und Hermann Emter versteckte sich mit sieben Glaubensbrüdern in einem Keller unter den Werkstätten. Im April 1945 wurde das KZ Buchenwald dann von der US-Armee befreit und am 6. Mai 1945 erhielt er seinen Entlassungsschein. Sogleich kehrte er nach Freiburg zurück. In seiner Wohnung halfen Fritz Heikorn und Max Liebster dabei, Schriften von Jehovas Zeugen zu vervielfältigen, die sich per Motorrad in vielen Städten Badens, sowie nach Stuttgart und Frankfurt brachten.
(Neumann: NS-Herrschaft, S. 131; Liebster: Hoffnungsstrahl, S. 97; Graffard/Tristan, Die Bibelforscher, S. 60; Slupina/Berezhko, Diktaturerfahrung in Ukraine, S. 557; JZArchZE, EB Hermann Emter.)
Gedenkzeichen
Am 15. Juli 2003 wurden vor dem Wohnhaus der Familie Emter in der Gundelfinger Straße 47 in Freiburg zwei Stolpersteine für Hermann und Elisabeth Emter verlegt. Der Stolperstein für Hermann Emter war der erste Stein für einen Überlebenden des NS-Terrors.
(Hubert Roser: Freiburger Zeugen Jehovas unter der NS-Diktatur, S. 132; https://www.stolpersteine-in-freiburg.de/stolpersteine/karl-hermann-emter/.)
Im Gedenken an Hermann Emters Ehefrau Elisabeth benannte die Stadt Freiburg eine Straße im Stadtteil Mooswald in Elisabeth-Emter-Straße.
Besonderheiten
Nach dem Krieg führte Hermann Emter sein Bauunternehmen fort. Um beim Aufbau der jährlichen Kongresse der Zeugen Jehovas teilzunehmen, schloss er seinen Betrieb für diese Zeit völlig und verzichtete damit auf mehrere lukrative Aufträge. Vom 24. bis 26. August 1951 arbeitete er in der Küche des Internationalen Kongresses im Frankfurter Stadion Niederrad. Mittels einer gemieteten Dampflokomotive erzeugte er Dampf für 51 Kochkessel von je 300 l Fassungsvermögen, in denen warme Mahlzeiten für die 47.000 Anwesenden gekocht wurden.
Im Dezember 1977 besuchte er einen Kongress der Zeugen Jehovas auf der spanischen Insel Gran Canaria. Dort traf er einen Mann mit Namen Waleck und erkannte ihn gleich als ehemaligen SS-Wärter in einem der Konzentrationslager, in denen er inhaftiert war. Beide freuten sich, dass sie sich nun nach über 30 Jahren zufällig auf einem Kongress als Glaubensbrüder wieder sehen konnten.
(EB Hermann Emter, Privatbesitz.)