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Dresden, Justizgebäudekomplex Münchner Platz

Adresse

Landgericht und Untersuchungshaftanstalt Dresden I (1907 bis 1945)
Zentrale Hinrichtungsstätte des NS-Regimes (1936 bis 1945)
Sowjetisches Militärtribunal und Gefängnis (1945 bis 1950)
Land- bzw. Bezirksgericht und Untersuchungshaftanstalt Dresden I (1945 bis 1957)
Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR (1952 bis 1956)
Mahn- und Gedenkstätte an der Technischen Universität Dresden
 (1959 bis 1992)
Gedenkstätte Münchner Platz Dresden (seit 1992)
Dresden, Münchner Platz 3/Georg-Bähr-Straße 5, Deutschland

Zwei Freitreppen gehen von einem hohen überdachten Innenhof ab, dessen Wände aus gehauenen Natursteinen bestehen.
Der Eingangsbereich des Gerichtsgebäudes am Münchner Platz sieht weitgehend noch so aus, wie vor dem Krieg (Privatarchiv T. Martin Krüger; Fotograf: T. Martin Krüger).

Informationen zum Ort

Der Justizgebäudekomplex am Münchner Platz in Dresden wurde im Jahr 1907 fertiggestellt. Hier tagten das Landgericht und das Amtsgericht Dresden. In einem Gebäudeteil mit separatem Eingang von der Georg-Bähr-Straße 5 befand sich die dem Landgericht Dresden angeschlossene Untersuchungshaftanstalt Dresden I, auch als „Untersuchungsgefängnis, Hauptanstalt Georg-Bähr-Straße 5“ oder einfach als „Gefängnis Dresden-Plauen“ bezeichnet. In der Untersuchungshaftanstalt gab es 680 Einzelzellen, die in der NS-Zeit in der zweiten Kriegshälfte meist mit mehreren Häftlingen belegt waren.

Das Sondergericht Freiberg (Sachsen) führte einen Teil seiner Prozesse im Schwurgerichtssaal am Münchner Platz durch. Zu den Verurteilten und Inhaftierten gehörten viele Zeugen Jehovas. Zwischen 1933 und 1945 wurden in der Zentralen Hinrichtungsstätte im Innenhof 1.330 Todesurteile vollstreckt, darunter auch Urteile des Volksgerichtshofs. Unter den Hingerichteten befanden sich auch Zeugen Jehovas.

Ab 1945 diente das Gebäude der sowjetischen Geheimpolizei als Gefängnis. In Schnellverfahren wurden sowohl von sowjetischen Stellen (bis 1950), als auch von DDR-Gerichten Todesurteile gesprochen und hier bis 1956 vollstreckt. Ab November 1950 fanden am Münchner Platz vor dem Dresdner Landgericht (nach 1952 Bezirksgericht) Massenprozesse gegen Zeugen Jehovas statt. Dabei war die Handhabung der Untersuchungshaft  unterschiedlich. Die Mehrzahl der inhaftierten Zeugen Jehovas kam in die angeschlossene Untersuchungshaftanstalt George-Bähr-Straße 5, einige verbrachten sie im Polizeigefängnis in der Schießgasse, weitere waren in der MfS-Untersuchungshaftanstalt in der Bautzner Straße inhaftiert.

Im Jahr 1957 wurde der Gebäudekomplex an die Technische Hochschule übergeben, die Hörsäle in den früheren Gerichtssälen einrichtete. Das Bezirksgericht Dresden wurde 1957 vom Münchner Platz in die Gebäude des ehemaligen Amtsgerichts in die Lothringer Straße 1 verlegt und die Prozesse gegen Zeugen Jehovas fanden ab dieser Zeit dort statt.

(Haase/Sack: Münchner Platz; Hacke: Von Opfern des Faschismus.)

Durch ein geöffnetes Eisengittertor gelangt man in den engen, hochen Hof der Hinrichtungsstätte, der von vielen Fenstern umgeben ist.
Eingang zum Innenhof mit der ehemaligen Hinrichtungsstätte am Münchner Platz (Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Münchner Platz Dresden; Fotografen: Schneider/Schwalbe).
Eine Skulpturengruppe aus vier Personen steht im Innenhof eines Gerichtsgebäudes aus groben Steinen
Ehemaliger Hinrichtungshof mit der Skulptur "Widerstandskämpfer" (Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Münchner Platz Dresden; Fotografen: Schneider/Schwalbe).

Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus

In der Untersuchungshaftanstalt des Gebäudekomplexes waren auch Zeugen Jehovas inhaftiert, die u.a. wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ und „Teilnahme an einer wehrfeindlichen Organisation“ verurteilt worden waren oder trotz einer drohenden Todesstrafe in ihrer Verweigerung des Kriegsdienstes beharrten, wie zum Beispiel Hans Ullrich, Ludwig Cyranek und Hugo Henschel bezahlten das Festhalten an ihrer Glaubensüberzeugung mit dem Leben. (Privatarchiv Falk Bersch, Bericht Hans Ullrich: In der Untersuchungshaftanstalt Georg-Bähr-Straße 5, o. D.; Herrberger, Denn es steht, S. 148, 162, 169.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

Frauen

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

Männer

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus

Vor ihren Verurteilungen standen Männer und Frauen der Religionsgemeinschaft - wie z. B. Rosmarie Franke - in den durchgeführten Verhören für ihren Glauben ein und weigerten sich, Mitgläubige durch Aussagen zu belasten. (Schmidt: Religiöse Selbstbehauptung, S. 189.)

Auch während der Gerichtsverhandlungen sprachen Zeugen Jehovas mutig über ihre religiösen Überzeugungen. So nutzte Heinz Gahse 1954 nach seiner Verurteilung die ihm zugestandenen Schlussworte dazu, dem Staatsanwalt ins Gewissen zu reden. (JZArchZE, Zeitzeugeninterview Heinz Gahse vom 14.7.1999.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus

Frauen

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

  • Rosmarie Tamme, geb. Franke

Männer

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

Gedenkzeichen

1959 erhielt der Gebäudekomplex am Münchner Platz anlässlich des 10. Jahrestages der Gründung der DDR den Namen „Georg Schumann“ und ein kleiner Teil um den ehemaligen Hinrichtungshof wurde zu einer Gedenkstätte. 1962 erfolgte die Einweihung eines Mahnmals und 1986 die Eröffnung eines „Museum des antifaschistischen Widerstandskampfes“. Im Museum wurde die Geschichte nach 1945 weitgehend ausgeblendet und auch an die NS-Verfolgung der Opfergruppe der Zeugen Jehovas nicht erinnert.

1992 kam die Gedenkstätte unter Trägerschaft des Münchner-Platz-Komitee e. V. und erstmals wurde die politische Strafjustiz nach 1945 in das Forschen, Vermitteln und Gedenken einbezogen. 1994 übernahm die neu gegründete „Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft“ die Trägerschaft der Gedenkstätte Münchner Platz. Das „Museums des antifaschistischen Widerstandskampfes“ wurde wegen gravierender inhaltlicher Mängel im Oktober 1996 geschlossen.

Seit Dezember 2012 ist die von der Gedenkstätte erarbeitete Dauerausstellung „Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet. Politische Justiz in Dresden 1933-1945 || 1945-1957“ installiert. Darin werden auch die Biografien einiger Zeugen Jehovas erzählt, etwa von Irmgard und Hildegard Wünschmann, Johannes Gündel oder Kurt Dreißig. Verschiedene Medien und Exponate erinnern auch an die doppelte Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas, so

  • ein Exemplar der am 12. Dezember 1936 reichsweit verbreiteten Resolution;

  • ein Gedicht von Klara Schwedler über die Zelle 213, in der sie acht Monate inhaftiert war;

  • ein Telegramm der Dresdner Dienststelle der SS, in welchem sie die Verhaftung von Ludwig Cyranek nach Berlin meldet, sowie die Ladung Ludwig Cyraneks zum Prozess in Dresden;

  • ein Exemplar des „Wachtturm“ vom 1. November 1950;

  • ein Foto der Staatsicherheit, das religiöse Literatur zeigt, die in einem Brot eingebacken geschmuggelt wurde;

  • eine Walnuss mit darin verborgenem religiösen Text, die in eine Zelle geschmuggelt wurde;

  • ein Videointerview mit Hans Ullrich.

(Endlich: Formen; Haase: Wo Steine.)

Blick in den Ausstellungsbereich der Gedenkstätte Münchner Platz. ZU sehen sind drei Stehlen mit übergroßen Portraits dreier tschechischer Widerstandskämpfer.
Blich in die Dauerausstellung der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden (Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Münchner Platz Dresden).
Eine vielfach gefaltete Seite dünnes Papier ist in einer Walnusschale verborgen.
Im Innern einer Walnuss versteckte religiöse Schrift, die ins Gefängnis geschmuggelt wurde. Das Ausstellungsobjekt in der Gedenkstätte Münchner Platz soll das praktische Widerstehen der Zeugen Jehovas verdeutlichen (Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Münchner Platz Dresden).
Einschubtafel mit dem Foto und der Ladung Ludwigs Cyraneks, sowie einem Begleittext zu seinen Aktivitäten als Zeuge Jehovas.
Informationstafel in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Münchner Platz zur Festnahme Ludwig Cyraneks, der 1941 in Dresden enthauptet wurde. Aufnahme von 2025 (Privatarchiv T. Martin Krüger; Fotograf: Fabian Weigoldt).
In einem Schaukasten hängen eine Ausgabe des Wachtturms, ein Stasifoto von in einem Brot eingeschmuggelter Literatur und eine geöffnete Walnuss, in deren Schale Miniaturartikel ins Gefängnis geschmuggelt wurde. Rechts daneben sieht man Schuber, die die Verfolgung von Kurt Dreißig, der Geschwister Wünschmann und Johannes Gündel beleuchten.
Auch das Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR und die folgende Verfolgung Hunderter Gläubiger wird in der Gedenkstätte Münchner Platz thematisiert (Privatarchiv T. Martin Krüger, Fotograf: T. Martin Krüger).

Externe Medien

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