Riesengebirge (Krkonoše/Karkonosze), Spindlerpass
Adresse
Grenze zwischen dem Deutschen Reich (heute Polen) und der Tschechoslowakei (heute Tschechien)
Riesengebirge, Spindlerpass
Informationen zum Ort
Der Spindlerpass ist ein 1.198 Meter hoher Pass durch das Riesengebirge, der die Königgrätzer Region (Královéhradecký kraj) im heutigen Tschechien mit der Region Niederschlesien (Dolny Śląsk) im heutigen Polen verbindet. Die Staatsgrenze verläuft auf dem Kamm des Riesengebirges (tschechisch Krkonoše; polnisch Karkonosze), dessen höchste Erhebung, die 1.603 Meter hohe Schneekoppe (tschechisch Sněžka, polnisch Śnieżka), sich elf Kilometer südöstlich in Sichtweite des Spindlerpasses befindet. Der Pass bildet auch die Wasserscheide zwischen dem Einzugsgebiet der Oder und der Elbe, dessen Quelle sich fünf Kilometer weiter westlich auf tschechischer Seite befindet. Bis zur deutschen Besetzung des Sudetenlands im Oktober 1938 befand sich hier die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich.
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Zwischen 1934 und 1937 wurde fast drei Jahre lang der bei weitem größte Teil der im Deutschen Reich benötigten seit 1933 verbotenen Literatur der Zeugen Jehovas über den Spindlerpass im Riesengebirge geschmuggelt. Nach der Schließung der zentralen Druckerei der Zeugen Jehovas im Deutschen Reich im Bibelhaus Magdeburg durch SA-Truppen am 28. Juni 1933, musste die Versorgung der Gläubigen mit biblischer Literatur größtenteils aus dem Ausland erfolgen. Zunächst übernahm das Bibelhaus in Bern (Schweiz) den Druck der Literatur und sandte diese per Bahn an das Zweigbüro in Prag-Wissotschan (Tschechien). Kurieren schmuggelten diese dann meist über das Riesengebirge nach Schlesien.
1935 gelang es eine Druckmaschine aus dem Bibelhaus Magdeburg in das neue tschechische Zweigbüro in Prag-Smichow zu schaffen. Nun wurde ein großer Teil der im Deutschen Reich benötigten Literatur in Prag gedruckt, mit der Bahn nach Hohenelbe (heute Vrchlabí) transportiert und weiter zum Dorf Spindlermühle (Špindlerův Mlýn) gebracht, wo sie auf dem Heuboden eines Bauernhauses zwischengelagert wurde. Erich Frost, Reichsleiter der Zeugen Jehovas, beauftragte August Fehst den Schmuggel und die Verteilung der Literatur aus der Tschechoslowakei zu organisieren.
„Auf dem Bauernhof angekommen, beluden wir unsere speziell für die schweren Lasten angefertigten Rucksäcke. Jeder von uns trug mindestens einen Zentner auf dem Rücken.“
Zweimal pro Woche gelangte eine Gruppe von meist sieben jungen Zeugen Jehovas als Wanderer getarnt auf den Weg über den Kamm des Riesengebirges. Richard Rudolph, der die Route dutzende Male ging, berichte: „Auf dem Bauernhof angekommen, beluden wir unsere speziell für die schweren Lasten angefertigten Rucksäcke. Jeder von uns trug mindestens einen Zentner auf dem Rücken.“ Gewöhnlich überschritten sie die Grenze gegen Mitternacht. Ernst Wiesner schilderte einige Sicherheitsmaßnahmen: „Zwei Brüder bildeten den Vortrupp. Begegneten sie irgendjemandem, ließen sie sofort ihre Taschenlampen aufleuchten. Das war für die Brüder, die ihnen mit schwer bepackten Rucksäcken in einer Entfernung von etwa 100 Metern folgten, das Zeichen, dass sie sich sofort seitwärts in die Büsche schlagen und warten mussten, bis die beiden Brüder, die die Vorhut bildeten, zurückkamen und sich durch ein bestimmtes Kennwort, das jede Woche geändert wurde, bemerkbar machten.“ Im Winter nutzen die Gruppen Skier und Schlitten für die Grenzüberquerung. Im Tal angekommen wurde die Literatur im Morgengrauen als Seife verpackt mit Fahrrädern in das schlesische Hirschberg (heute Jelenia Góra/Polen) gebracht und von dort per Bahn an Depots u. a. in Breslau, Halle und Berlin gesandt.
Nachdem die Gestapo von der Route erfahren hatte, schätzte sie im April 1937, dass auf diesem Weg 40.000 verbotene Bücher und Broschüren der Zeugen Jehovas geschmuggelt worden waren. Außerdem wurden auf der gleichen Route im Herbst 1936 200.000 Exemplare einer in Bern (Schweiz) gedruckten Protestresolution transportiert. Diese war im September auf einem internationalen Kongress in Luzern (Schweiz) beschlossen und am 12. Dezember zwischen 17.00 und 19.00 Uhr von rund 3.500 Zeugen Jehovas heimlich im gesamten Deutschen Reich verteilt worden.
(Slupina: Jehovas Zeugen im Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei, S. 712–715; Garbe: Zwischen Widerstand, S. 108, 231; WTG: Jahrbuch 1974, S. 141, 142, 243; WTG: Jehova beschützte sie im Schatten der Berge.)
Namensliste
Namen der Kuriere
- August Fehst (Organisator vor Ort)
- Johannes Rauthe
- Richard Rudolf, geb. Rudolph
- Ernst Wiesner