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Bern, Bibelhaus

Adresse

Zentraleuropäisches Büro und Druckerei der Wachtturm-Gesellschaft in Bern
Bern, Allmendstraße 39 (früher Nr. 43) und Meisenweg 26 a, Schweiz

Das Zentraleuropäische Büro der Zeugen Jehovas in Bern wurde zum 1. April 1925 eröffnet. Die Leitung übernahm ab Februar 1926 Martin Harbeck. Das Büro wurde auch Bibelhaus genannt und war nicht nur für die Tätigkeit der Zeugen Jehovas in der Schweiz, sondern auch in Belgien, Frankreich, Luxemburg, Italien, Polen, Rumänien, Jugoslawien, den Niederlanden, Österreich und dem Saarland verantwortlich. Ihm unterstanden daher auch die Landesbüros in Bukarest (Rumänien), Lodz (Polen, seit 1932), Paris (Frankreich, seit 1929) und Prag (Tschechoslowakei, seit 1936). Die Büros in Polen und der Tschechoslowakei hatten zuvor dem 1933 von den Nationalsozialisten geschlossenem Bibelhaus Magdeburg in Deutschland unterstanden. Von 1940 bis 1953 leitete Franz Zürcher, der frühere Redaktionsleiter der deutschen Ausgabe der Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter“, das Zentraleuropäische Büro in Bern. Auch die Übersetzungsabteilung, in der Literatur aus der englischen in die deutsche Sprache übersetzt wurde, befand sich bis 1966 in Bern.

In der Berner Druckerei der Wachtturm-Gesellschaft wurden während der Nazi-Diktatur Bücher und Zeitschriften für die genannten Ländern sowie für Portugal gedruckt. Eine der Rotationsmaschinen stammte aus dem Bibelhaus Magdeburg und war über das Prager Zweigbüro in die Druckerei nach Bern gelangt. 1952 wurde sie in das neu errichtete Druckereigebäude der Zeugen Jehovas in Wiesbaden zurückgeführt. Das Zweigbüro der Zeugen Jehovas in Bern bestand bis zum Jahr 1970, dann wurde es nach Thun (Schweiz) verlegt.

(Martinet: Jehovas Zeugen Schweiz, S. 592 ff; WTG: Jahrbuch 1974, S. 243.)

Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus

Das Zentraleuropäische Büro in Bern sandte regelmäßig Abschriften von Wachtturm-Artikeln nach Basel. Dort wurden sie von Kurieren abgeholt, die die Seiten in ihrer Kleidung oder in Kinderwagen versteckt über die Grenze nach Deutschland brachten. Auch in anderen grenznahen Städten am Rhein ließ das Berner Büro Literaturlager anlegen, zu denen die Zeugen Jehovas aus Deutschland Zugang hatten. Nachdem die Grenzübergänge stärker überwacht wurden, durchquerten die Kuriere auf ihren Fahrten weniger bewachte Flüsse und Wälder. Das Büro versandte auch Literaturpakete über Tarnadressen nach Deutschland. Deutsche Zeugen Jehovas konnten zeitweilig die Zusammenkünfte der Religionsgemeinschaft in Basel und anderen grenznahen Städten besuchen. Dabei wurden sie oft von deutschen NS-Agenten, die auf Staatsgebiet der Schweiz operierten, fotografiert.

Das Bibelhaus in Bern schrieb am 29. September 1934 einen Brief an alle Versammlungen der Zeugen Jehovas in der Schweiz, in dem dazu aufgefordert wurde, am 7. Oktober des Jahres ein Protesttelegramm an die deutsche Regierung zu senden, das den Wortlaut enthielt: „Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und ihre nationale Partei vernichten.“ Bevor in Genf das Telegramm übermittelt wurde, holte sich die Post die Genehmigung des Schweizer Bundesrats ein.

Für den 4. bis 7. September 1936 organisierte das Zentraleuropäische Büro in Bern in Luzern (Schweiz) einen internationalen Kongress der Zeugen Jehovas, zu dem auch Joseph F. Rutherford, der Leiter des Hauptbüros in den USA, anreiste. Aus Deutschland planten über 1.000 Zeugen Jehovas den Kongress zu besuchen, doch zwei Wochen zuvor initiierte die Gestapo eine Welle von Massenverhaftungen, um dies zu verhindern. Dennoch gelang es rund 300 Personen heimlich die Grenze zur Schweiz zu überqueren. Auf dem Kongress wurde eine Protestresolution gegen die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland von den fast 3.000 Anwesenden angenommen und später an mehr als 2.000 Regierungsstellen in Deutschland versandt. Franz Zürcher, Mitarbeiter des Berner Büros, schickte sie am 9. September auch an Papst Pius XI in Rom und an den Reichskanzler Adolf Hitler in Berlin.

In Bern hatte man 300.000 Exemplare der „Luzerner Resolution“ gedruckt. Davon wurden 100.000 für Deutschland bestimmte Exemplare in den Niederlanden beschlagnahmt. Die übrigen 200.000 Exemplare gelangten auf anderem Weg nach Deutschland. Sie wurden zunächst über das Landesbüro in Prag und dann über das Riesengebirge in die Oberlausitz geschmuggelt. Die „Resolution“ wurde in einer konzertierten Aktion am 12. Dezember 1936 zwischen 17.00 Uhr und 19.00 Uhr von mindestens 3.450 Zeugen Jehovas in Deutschland verbreitet, die sie in Briefkästen steckten oder unter Haustüren schoben. Eine Verhaftungswelle war die Folge.

Da die Nationalsozialisten behaupteten, dass es sich bei den in der „Resolution“ gemachten Angaben um falsche Behauptungen handelte, schrieb Martin Harbeck einen „Offenen Brief“, der u. a. Namen von Behörden und Tätern enthielt, die sich der Verbrechen und Misshandlungen schuldig gemacht hatten. Auch davon waren 200.000 Exemplare in Bern gedruckt worden, doch gelang es nicht, sie nach Deutschland zu schmuggeln. Allerdings konnte man den „Offenen Brief“ auf Pappmatern zum Drucken nach Deutschland schmuggeln, wo Zeugen Jehovas mindestens 69.000 Exemplare herstellten, die am 20. Juni 1937 in einer weiteren konzertierten Aktion reichsweit verbreitet wurden.

Kuriere wie Oskar und Anna-Maria Denz hatten eine Fülle Berichte und Dokumente über die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Deutschen Reich zum Zentraleuropäischen Büro in Bern weitergeleitet, dessen Leiter Martin Harbeck sie zu einer Sammlung zusammenfasste und 1938 im Europa-Verlag Zürich unter dem Titel „Kreuzzug gegen das Christentum“ in Deutsch und ein Jahr später auch in Französisch und Polnisch veröffentlichen ließ. Da Martin Harbeck deutscher und amerikanischer Staatsbürger war, bat der Europa-Verlag darum, einen Schweizer als Autor zu benennen, so dass das Buch unter dem Namen von Franz Zürcher, veröffentlicht wurde.

Leinen-Bucheinband mit der Aufschrift "Kreuzzug gegen das Christentum"
Das 1938 in deutscher Sprache veröffentlichte Buch „Kreuzzug gegen das Christentum" (UaP).

Einigen deutschen Zeugen Jehovas, die als Vollzeitprediger gewirkt hatten, war die Flucht in die Schweiz gelungen. Nicht selten hatten ihnen Glaubensbrüder aus der Schweiz als Fluchthelfer unter Lebensgefahr über die Grenze geholfen. Andere Zeugen Jehovas hatten in verschiedenen Ländern missioniert und mussten diese Länder nun verlassen. Wenn sie nach Deutschland zurückkehrt wären, hätte man sie verhaftet. Um diesen Personengruppen zu helfen, erwarb das Bibelhaus 1936 das Bauerngut Bärenmoos in der Nähe von Steffisburg und 1938 das Landgut Chanélaz bei Neuenburg. Dort arbeiteten im Laufe der Jahre 68 deutsche Zeugen Jehovas, die nur für die Tätigkeit als Landwirt eine Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz bekommen konnten, und versorgten die Mitarbeiter des Bibelhauses und der Druckerei mit Nahrungsmitteln.

1940 unterstellten die Behörden dem Berner Zweigbüro zur Verweigerung des Wehrdienstes aufgefordert zu haben. Am 5. Juli 1940 besetzten Soldaten das Büro und die Druckerei in Bern, versiegelten einige Räume und beschlagnahmten größere Mengen Literatur. Die Behörden achteten darauf, die deutsche Regierung nicht zu provozieren und zensierten die Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter“ und andere Schriften. Während des Zweiten Weltkrieges brach der Kontakt des Berner Büros zum Hauptbüro in den USA ab, doch gelangten Wachtturm-Ausgaben aus Schweden nach Bern und wurden dort aus dem Schwedischen übersetzt und als maschinengeschriebene Abschriften in Umlauf gebracht. 1944 wurde die vier Jahre zuvor beschlagnahmte Literatur den Zeugen Jehovas zurückgegeben.

Nach dem Krieg starteten die Schweizer Zeugen Jehovas eine Hilfsaktion für ihre Glaubensgeschwister in Deutschland, von denen viele mittellos aus den Konzentrationslagern zurückgekehrt waren. 1946 und 1947 wurden 444 Kisten mit ca. 25 Tonnen Hilfsgüter im Wert von 262.000 Franken zunächst nach Bern gebracht, im Bibelhaus sortiert und dann nach Deutschland gesandt.

(Martinet: Jehovas Zeugen Schweiz, S.622–625, 635–639, 649–654, 663–673, 692; WTG: Jahrbuch 1974, S. 154–159; Watch Tower Society: Alles war vom Besten.)

Namensliste

Aus Deutschland geflohene Mitarbeiter des Berner Bibelhauses

Externe Medien

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