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Leipzig, Landgericht

Adresse

Landgericht Leipzig
Leipzig, Harkortstraße 9, Deutschland

Informationen zum Ort

Am 5. März 1937 wurde vor dem Landgericht Leipzig Anklage gegen 186 Zeuginnen und Zeugen Jehovas aus der Region um die sächsische Großstadt erhoben. Dieses Verfahren, bekannt als das Verfahren der 186, zählt zu den bedeutendsten und größten Prozessen gegen Zeugen Jehovas während der NS-Zeit. Die Verhandlungen fanden nicht-öffentlich vor der Ersten Kammer des Sondergerichts Freiberg im Leipziger Landgerichtsgebäude statt.

Das Landgericht Leipzig liegt im so genannten Musikviertel, nahe dem Neuen Rathaus und gegenüber dem heutigen Bundesverwaltungsgericht. Das Hauptgebäude wurde zwischen 1876 und 1878 in der Harkortstraße 9 gebaut. Der freistehende dreigeschossige Vierflügelbau wurde von Landbaumeister Emil Anton Buschick geplant. Das Landgericht ist bis heute Teil eines Justiz- und Polizei-Gevierts mit repräsentativen Gebäuden.

Im ersten Obergeschoss des Landgerichtsgebäude befand sich 1937 der große Saal 106, ein Schwurgerichtssaal, in dem der Prozess gegen die 186 Zeugen Jehovas aus Leipzig und Umgebung stattfand. Der repräsentative, 200 Quadratmeter große Saal ist an den Wänden holzvertäfelt. Er hat eine Kassettendecke mit Oberlicht, dessen Glasscheiben geometrische Muster aufweisen. Hinter den Richterstühlen befindet sich eine hohe halbrunde Fensterfront.

Blick in einen holzvertäfelten, beleuchteten Gerichtssaal.
Der Schwurgerichtssaal im Landgericht Leipzig, 2026 (UaP, Fotograf: Martin Meenen).

Über der Eingangstür des Schwurgerichtssaals, der heute noch restauriert in seiner ursprünglichen Form existiert, befindet sich ein sechs Meter langer Balkon mit hölzerner Brüstung, der als Tribüne zur Prozessbeobachtung ausgewiesen ist. In Gruppen von 30 bis 40 Personen wurde gegen die Angeklagten verhandelt. Ernst Friesicke führt als Vorsitzender Richter den Prozess.

Zu dem großen Prozess in Leipzig kam es wohl auch, weil es in der Stadt an der Pleiße verhältnismäßig viele Zeugen Jehovas gab. Leipzig war vor der NS-Zeit Heimat der weltweit drittgrößten Bibelforscher-Gemeinde. Im Mai 1929 fand die viertägige Generalversammlung in der damaligen Halle 7 auf dem Gelände der Technischen Messe statt – mit bis zu 20.000 Anwesenden die wahrscheinlich größte Veranstaltung, die die Religionsgemeinschaft bis dahin in Deutschland veranstaltete.

(Hesse/Harder: und wenn ich lebenslang, S. 302; Vereinigung Leipziger Architekten und Ingenieure: Leipzig, S. 157–161.)

Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus

1937, auf dem Höhepunkt der NS-Verfolgung, waren 62 Prozent der vor dem Sondergericht Freiberg Verurteilten Zeugen Jehovas. Der Zeuge Jehovas Richard Blümel erinnerte sich an den Prozess vor dem Landgericht Leipzig: „Etwa 20 schwerbewaffnete Männer standen überall im Saal, als die lange Reihe von Männern und Frauen, von denen viele schon älter waren, eintrat. Alle Anwesenden wußten, daß diese Zeugen Jehovas noch nie jemandem etwas zuleide getan hatten, und dennoch fürchtete man sie.“

In der Neuen Leipziger Zeitung vom 1./2. Mai 1937 wurde unter der Überschrift „Hohe Strafen für Ernste Bibelforscher“ berichtet: „Die Organisation der Bibelforscher stimme in ihren Ansichten mit jener illegalen Tätigkeit der kommunistischen Partei von 1934 und 1935 überein.“ Der Text über den Prozess stammte vom Deutschen Nachrichtenbüro, der offiziellen zentralen Presseagentur des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus.

Im Prozess erhielten mehrere Zeugen Jehovas, darunter Johannes Neubacher, Richard Scheidenbach, Willy Reuß und Paul Thieme, die Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis. Der Historiker Jens-Uwe Lahrtz hat Details zu 123 Angeklagten rekonstruiert. Von diesen wurden 102 verurteilt, neun freigesprochen und bei zwölf Personen das Verfahren eingestellt.

Viele der Angeklagten wurden später in Konzentrationslagern inhaftiert, Hedwig Wilde in Leipzig von der Gestapo zu Tode gefoltert, Otto Keil wegen Kriegsdienstverweigerung im Roten Ochsen in Halle hingerichtet. Hermann Malkomes und Hugo Trinks starben als Häftlinge im KZ Majdanek, Johannes Zöllner im KZ Buchenwald.

(Zeidler: Das Sondergericht Freiberg, S. 33; Lahrtz: Nationalsozialistische Sondergerichtsbarkeit, S. 224; Lahrtz: Maulwürfe, S. 64; Blümel: Freuden, S. 667.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

Frauen

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

Männer

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

  • Richard Blümel
  • Joseph Bröcher
  • Otto Keil
  • Hermann Malkomes
  • Johannes Friedrich Neubacher
  • Willy Herbert Reuß
  • Richard Scheidenbach
  • Karl Josef Siebeneichler
  • Paul Thieme
  • Hugo Trinks
  • Johannes Zöllner

Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus

Am 4. Dezember 1950 urteilte das Landgerichtgericht Leipzig gegen fünf Zeugen Jehovas, unter ihnen Joseph Bröcher und Edmund Rohland. Beide waren schon im Nationalsozialismus inhaftiert. Joseph Bröcher war 1937 in dem großen Landgerichtsprozess in Leipzig verurteilt worden und zuvor bereits im KZ Sachsenburg inhaftiert.

Den Angeklagten wurde vor dem Landgericht Leipzig Boykotthetze (in Verbindung mit der Wahl) und Kriegshetze (im Zusammenhang mit dem Stockholmer Appell) vorgeworfen. Ein entsprechendes Agitieren wurde von den Angeklagten bestritten. Edmund Rohland wurde zu einer 15-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt, Joseph Bröcher erhielt eine Haftstrafe von zehn Jahren.  Bei der Verhandlung waren viele Mitglieder der Religionsgemeinschaft anwesend. Festgehalten ist, dass es einen großen Applaus im Schwurgerichtssaal nach den Schlussworten von Edmund Rohland gab.

Auch Hildegard und Ernst Seliger gehörten zu den Zeugen Jehovas, die schnell zu Doppeltverfolgten wurden. Das Landgericht Leipzig verurteilte die Eheleute am 5. Juli 1951 zu zehn beziehungsweise 15 Jahren Zuchthaus. Hildegard Seliger saß in der DDR in Waldheim und in Halle (Saale) im Roten Ochsen im Gefängnis, ihr Mann in Waldheim und Brandenburg.

Unter dem nationalsozialistischen Regime war Ernst Seliger unter anderem im KZ Sachsenhausen inhaftiert, Hildegard Seliger in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Ravensbrück. Sie war unter anderem an einem Ort des Widerstands gegen das NS-Regime, am Goldfischteich im Berliner Tiergarten, tätig. Zusammengerechnet waren die Eheleute letztlich über 40 Jahre in Konzentrationslagern und Gefängnissen.

(Dirksen: Keine Gnade, S. 478–484, 531; Wrobel: Seliger.)

Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus

Frauen

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

Männer

Anzahl nach aktuellem Forschungsstand: nicht bekannt

  • Joseph Bröcher
  • Edmund Rohland
  • Ernst Seliger

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