Brandenburg-Görden, Zuchthaus
Adresse
Zuchthaus Brandenburg-Görden
Stadtteil Görden, Anton-Saefkow-Allee 22 (früher: Winterfeldtallee 22), Deutschland
Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg-Görden im ehemaligen Direktorenhaus
Stadtteil Görden, Anton-Saefkow-Allee 38 (früher: Winterfeldtallee 38), Deutschland
Informationen zum Ort
1926: Planung und Bau einer neuen Strafanstalt in Brandenburg-Görden, nur für Männer als Musteranstalt nach Prinzipien eines modernen Strafvollzugs
1935: Fertigstellung des Neubaus mit einer Kapazität für 1.800 Häftlinge
1940: Einrichtung einer Hinrichtungsanlage zur Vollstreckung von Todesurteilen; ab August 1940 Hinrichtung von kriegsdienstverweigernden Zeugen Jehovas, die das Reichskriegsgericht und das Gericht der Wehrmachtkommandantur Berlin zum Tode verurteilt hatte. Bis 1944 starben insgesamt 113 Kriegsdienstverweigerer unter dem Fallbeil. Sie stammten aus Deutschland, Österreich, Polen, Frankreich und Tschechien.
Im Zuchthaus ließen NS-Kriegs- und Zivilgerichte insgesamt 2.032 Männer aus verschiedenen Nationen hinrichten.
1944: nach Prozessen vor dem Volksgerichtshof wurden 11 weitere Zeugen Jehovas in Brandenburg mit dem Fallbeil enthauptet. Im Zuchthaus ließen NS-Kriegs- und Zivilgerichte insgesamt 2.032 Männer aus verschiedenen Nationen hinrichten.
1945: Befreiung der Gefangenen durch Einheiten der Sowjetarmee und Freilassung der dort noch inhaftierten Zeugen Jehovas. Umwandlung eines Teils des Gebäudekomplexes zum größten sowjetischen Repatriierungslager Nr. 226, in dem ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen und KZ-Häftlinge interniert wurden, bevor man sie z. T. zwangsweise in die Sowjetunion zurückgebrachte.
1946: im Juni wurden die Zeugen Jehovas Franz Kasten und Karl Straube durch die sowjetische Militäradministration festgenommen und in das Lager eingeliefert. Karl Staube verstarb dort einige Monate später.
1948: Räumung des Zuchthauskomplexes durch die Sowjetarmee und Übergabe an die deutsche Justizverwaltung des Landes Brandenburg. Nach dem Befehl Nr. 201 sollten dort in erster Linie Männer inhaftiert werden, die an NS-Verbrechen in unterschiedlicher Weise beteiligt waren.
Unter den 229 in der DDR in Brandenburg inhaftierten Zeugen Jehovas befanden sich 68, die bereits im Nationalsozialismus wegen ihres Glaubens verfolgt worden waren.
1950: am 1. Juli übernahm das DDR-Innenministerium und damit die Volkspolizei die Strafvollzugsanstalt Brandenburg und führte einen militärisch strengen Strafvollzug ein. Inhaftiert wurden von da ab nicht nur NS-Täter, sondern auch politische Gefangene, die sich der neuen Ordnung nicht unterwerfen wollten. Mit dem Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR, kamen auch sie, nach der Verurteilung zu hohen Haftstrafen, in die Strafvollzugsanstalt. Für einen kurzen Zeitraum inhaftierte man dort auch Frauen, darunter waren 18 Zeuginnen Jehovas. Unter den 229 in Brandenburg inhaftierten Zeugen Jehovas befanden sich 68, die bereits im Nationalsozialismus wegen ihres Glaubens verfolgt worden waren. Von 1947 bis 1962 verstarben sechs Zeugen Jehovas in der Haftanstalt. Fünf Männer und eine Frau konvertierten während der Haft zu den Zeugen Jehovas. 1970 verließ der letzte Zeuge Jehovas die Strafvollzugsanstalt Brandenburg.
(Ansorg: Gefangene, S. 89–94; Bersch: Aberkannt, S. 116–125, 127–131, 260; de Pasquale/Nagel: Auf dem Görden; Herrberger: Denn es steht; Ministerium für Wissenschaft: Zum Gedenken; Plattner: Das Zuchthaus; Schmidt: Der Tod; Wunschik: Honeckers Zuchthaus.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
1940 bis 1944: Haft- und Hinrichtungsort für 124 Zeugen Jehovas, die sich dem NS-Regime widersetzten und wegen Kriegsdienstverweigerung oder Aufrechterhaltung der Untergrundtätigkeit enthauptet wurden. (Herrberger: Denn es steht.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Männer
Widerstand und Selbstbehauptung im Kommunismus
1950er Jahre: Bibeln in das Zuchthaus geschmuggelt, zerteilt und an einzelne Zeugen Jehovas zum Lesen verteilt (Bersch: Aberkannt, S. 125, 127 f.)
1955: durch verschiedene Zeugen Jehovas werden Lieder und Gedichte mit widerständigem Charakter verfasst (Bersch: Aberkannt, S. 129.)
Ende 1950er Jahre: Der Zeuge Jehovas Erhardt Rink lehnt die Ausführung von Schreibarbeiten, die militärische Aktionen betrafen, ab (Bersch: Aberkannt, S. 131.)
Durchführung von Taufen, so im Juli 1961, als der Häftling Hans Koswig, ein ehemaliger Volkspolizist, in einer Badewanne getauft wurde (Bersch: Aberkannt, S. 130.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Kommunismus
Frauen
Männer
- Walter Hempel
- Franz Kasten
- Hans Koswig
- Gerhard Krüger
- Alfred Metzner
- Ernst Pietzko
- Erhardt Rink
- Karl Straube
- Günter Tesch
Gedenkzeichen
Auf der 1947 errichteten Mahnmalanlage auf dem Marienberg in Brandenburg an der Havel, werden am Denkmal für die vom NS-Regime ermordeten Menschen seit 1975 auf einzelnen Gedenktafeln unter anderem die Namen von 40 hingerichteten Zeugen Jehovas aufgeführt. Auf dem Denkmal wird die Opfergruppe aber nicht namentlich erwähnt.
Im Gedenkraum der ehemaligen NS-Hinrichtungsstätte in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg a. d. Havel werden seit 2018 zwölf Opferbiografien auf Ausstellungsstelen gezeigt. Eine dieser Stelen ist dem wegen Wehrdienstverweigerung hingerichteten Zeugen Jehovas Heinrich Hetkamp gewidmet. Zu sehen sind neben Fotos die Dokumente der Verfolgung. Ein Foto zeigt Heinrich Hetkamp mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm, der ebenfalls wegen Wehrdienstverweigerung in Brandenburg hingerichtet wurde.
Vor der Neukonzeption des Gedenkraums wurde auf einer Informationswand, neben 15 NS-Opfern, auch dem Zeugen Jehovas Johannes Harms mit Foto und einer Kurzbiografie gedacht.
Im ehemaligen Direktorenhaus wurde 2018 eine Dauerausstellung zum Strafvollzug in Brandenburg im Nationalsozialismus und in der DDR eröffnet. Im Ausstellungsteil „Strafvollzug 1945-1990“ wird das Verfolgungsschicksal des Zeugen Jehovas Alfred Metzner dokumentiert.