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Emmy Zehden, geb. Windhorst

Vorname(n)
Emmy
Geburtsname
Windhorst
Nachname
Zehden
Geburtsdatum
28. März 1900
Geburtsort
Lübbecke, Deutschland
Todesdatum
9. Juni 1944
Verfolgungsbedingte Todesart
Enthauptet
Beruf
Hauswirtschaftshelferin, Banksekretärin, Hausfrau
Erstkontakt und/oder Taufe
Kontakt mit Jehovas Zeugen seit Anfang der 1930er Jahre, Taufe 1935

Biographische Orte

Die Karte zeigt Orte, die mit der Person dieses Beitrages verknüpft sind.

Wohnort(e)

Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus

Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus

1923 nahm die damals 23jährige Emmy Windhorst ihren dreijährigen Neffen Horst Schmidt in ihren Haushalt auf, der zuvor bei ihrer nun verstorbenen Mutter gelebt hatte. Sie kümmerte sich um ihn wie um ihren eigenen Sohn. 1927 heiratete sie Richard Zehden, einen gebürtigen Juden – trotz des Widerstands seiner Familie. Ab 1929 lebte die Familie in der Franzstraße 32 in Spandau. Um Gemüse zu kaufen ging Emmy Zehden häufig in die Gärtnerei von Otto und Jasmine Muhs in Spandau. Dort lernten sie und ihr Mann Anfang der 1930er Jahre Jehovas Zeugen kennen.

Nach dem Verbot der Religionsgemeinschaft im Juni 1933 fanden in der Wohnung von Emmy und Richard Zehden illegale Zusammenkünfte der Spandauer Zeugen Jehovas statt. 1935 ließen sich beide zusammen mit ihrem Pflegesohn in der Badewanne ihrer Wohnung taufen. Vom 8. Februar 1937 bis zum 10. Mai 1938 war Richard Zehden erstmals wegen seines neuen Glaubens für ein Jahr und drei Monate in Berlin-Plötzensee inhaftiert. Aus der Haft zurückgekehrt, musste er feststellen, dass die Nationalsozialisten das Kaufhaus seines jüdischen Arbeitgebers enteignet und er dadurch seine Arbeit verloren hatte.

Fünf gut gekleidete Personen und ein Schäferhund sitzen auf einem Feld.
V.l.n.r.: Richard Zehden, ein Cousin von Emmy Zehden, Horst Schmidt, Emmy Zehden und ihre Schwester Mimi, 1930er Jahre (JZArchZE).

Im selben Jahr klagten die leiblichen Eltern von Horst Schmidt auf das Sorgerecht ihres inzwischen 18jährigen Sohnes und das Gericht urteilte, dass ein „arisches“ Kind nicht von einem Juden erzogen werden dürfe. Horst Schmidt wurde dreimal durch einen Gerichtsvollzieher von seinen Pflegeeltern weggebracht, kam aber jedes Mal zu ihnen zurück. Infolge konnte er keine Schule mehr besuchen und flüchtete beim erneutem Erscheinen des Gerichtsvollziehers jeweils über den Balkon. Seine Pflegeeltern erhielten für ihn keine Lebensmittelkarte und für Richard Zehden – als Juden – auch nur eine halbe Karte. Die Familie lebte in dieser Zeit in absoluter Armut. Horst Schmidt war seit 1935 nicht mehr polizeilich gemeldet und hielt sich bei seiner Tante und Pflegemutter verborgen. Aus diesem Grund meldete er sich auch nicht zur Erfassung als Wehrpflichtiger. Ab 1940 wurde er deshalb vom Wehrbezirkskommando Berlin-Schöneberg gesucht und von der Polizei zur Fahndung ausgeschrieben. Im November 1940 und im März 1941 vernahm die Kriminalpolizei aus diesem Grund Emmy Zehden, die aber den Aufenthaltsort ihres Neffen nicht verriet. So konnte sich Horst Schmidt der Einberufung entziehen.

Die Wohnungsbaugesellschaft kündigte 1941 oder 1942 die Wohnung der Zehdens, da sie keine Juden in ihren Häusern duldete. Daraufhin zog die Familie in den Krielower Weg 25 in Hohengatow. Um zu überleben, musste Emmy Zehden eine Stelle als Zeitungsausträgerin annehmen, obwohl sie nicht Fahrrad fahren konnte und so gar nicht in der Lage war, die Arbeit auszuüben. Immer in der Gefahr entdeckt zu werden, fuhr Horst Schmidt die Zeitungen aus.

Zwei Personen sitzen auf einem neben einer Straße abgestellten Holzkarren, während eine Frau hinter ihnen steht.
Emmy Zehden (Mitte) mit ihrem Ehemann Richard und einer Freundin, 1930er Jahre (JZArchZE).

Emmy und Richard Zehden erstellten in ihrer Wohnung Abschriften des verbotenen Wachtturms auf Matritzen. Diese wurden mittels eines Vervielfältigungsapparats in der Gärtnerei Muhs abgezogen. Als Kurier brachte Horst Schmidt die Kopien nach Greiz, später auch nach Stettin, Danzig und Königsberg. Im vogtländischen Greiz lernte er Familie Gassner kennen, die ihm den Kontakt zur Familie Liebold in Rentzschmühle bei Plauen vermittelte. Gerhard Liebold, dessen Vater Kurt Liebold bereits wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet worden war, befand sich ebenfalls im Konflikt mit seinem Gewissen. Emmy Zehden besuchte daraufhin im Sommer 1941 Familie Liebold und erklärte sich bereit, Gerhard Liebold in ihrer Wohnung aufzunehmen. Emmy Zehden lud zunächst Gerhard Liebold und seinen jüngeren Bruder Heinz Liebold nach Berlin ein. Beide kamen im August 1941 für eine Woche zu Familie Zehden auf Besuch und lernten dort auch Horst Schmidt persönlich kennen. Die jungen Männer unterhielten sich dabei auch über eine bevorstehende Einberufung und die Verweigerung des Wehrdienstes. Als Gerhard Liebold kurz nach Rückkehr nach Plauen, wo er damals wohnte, einen Einberufungsbefehl zur Luftwaffe für den 1. Oktober 1941 erhielt, flüchtete er in die Wohnung der Familie Zehden.

Im Sommer 1942 war Emmy Zehden nach Cossengrün gereist. Dort traf sie in einem Café in Greiz auf Werner Gassner, der sich als Soldat auf Heimaturlaub bei seiner Familie befand, die ebenfalls Zeugen Jehovas waren. Auch er berichtete ihr über seinen Gewissenskonflikt als Soldat. Emmy Zehden lud ihn ebenfalls nach Berlin ein. Nachdem Werner Gassner wieder zu seiner Einheit nach Süd-Frankreich zurückgekehrt war, nutzte er am 8. September 1942 eine im Kriegslazarett abgeschlossene Zahnbehandlung, um nicht zu seiner Truppe zurückzukehren, sondern mit gefälschten Militärpapieren nach Berlin zu fliehen. Da die Zehdens jederzeit mit einem Besuch der Gestapo rechnen mussten, brachte Emmy Zehden Gerhard Liebold und Werner Gassner in einer Gartenlaube der Familie Muhs unter. Dort besuchte Elsbeth Keilig 1942 mehrfach ihren Verlobten Gerhard Liebold. Auch sie verschwieg in Vernehmungen durch die Polizei den Aufenthalt der jungen Männer.

Anlässlich einer Fahndungskontrolle durch die Kriminalpolizei am 24. September 1942 fand man in der Wohnung der Zehdens den Koffer von Werner Gaßner mit seiner Uniform und seinen Ausweispapieren. Emmy und Richard Zehden wurden in ihrer Wohnung verhaftet und in der Untersuchungshaftanstalt Alt-Moabit inhaftiert. Gerhard Liebold, Werner Gassner, Otto und Jasmine Muhs wurden am 31. Dezember 1942 ebenfalls verhaftet. Gerhard Liebold und Werner Gassner wurden von Kriegsgerichten zum Tode verurteilt und im Frühling 1943 in Brandenburg-Görden enthauptet.

Am 13. April 1943 wurden Emmy und Richard Zehden in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz überführt. Mehrere Anträge von Emmy Zehden, ihren Ehemann zu besuchen, wurden abgelehnt. Richard Zehden kam in das KZ Sachsenhausen und starb dort am 5. November 1943.

Emmy Zehden wurde am 28. April 1943 zurück in die Untersuchungshaftanstalt Alt-Moabit gebracht. Laut Anklageschrift vom 13. Oktober 1943 wurde ihr vorgeworfen „in den Jahren 1940 bis September 1942 in Berlin fortgesetzt als Anhängerin der Vereinigung Internationaler Bibelforscher Wehrkraftzersetzung und landesverräterische Feindbegünstigung dadurch betrieben zu haben, dass sie Wehrpflichtige [...] in ihrem Bestreben sich der Erfüllung der Wehrpflicht zu entziehen unterstützt hat“. Der 6. Senat des Volksgerichtshof verurteilte sie am 19. November 1943 zum Tode. Einen Tag später wurde sie in das Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße überführt. Die Leitung der dortigen Haftanstalt stellte ein Gnadengesuch und begründete dies damit, dass Emmy Zehden sich durch gute Führung und Selbstdisziplin auszeichnete und weiterhin Socken stopfte, obwohl sie gefesselt war. Auch Emmy Zehden selbst und ihre Schwester reichten Gnadengesuche ein.

Am 31. Mai 1944 ordnete das Justizministerium ihre Hinrichtung an. Emmy Zehden wurde am 9. Juni 1944 um 10.00 Uhr vom Gefängnis in der Barnimstraße in das Zuchthaus Berlin-Plötzensee überführt. Dort teilte ihr Vollstreckungsleiter Dr. Klüver um 11.30 Uhr mit, dass die Gnadengesuche abgelehnt wurden und ihre Hinrichtung 90 Minuten später stattfinden würde. Er dokumentierte die Ermordung von Emmy Zehden wie folgt: „Um 13:00 Uhr wurde die Verurteilte, die Hände auf dem Rücken gefesselt, durch zwei Gefängnisbeamte vorgeführt. Der Scharfrichter Röttger aus Berlin stand mit seinen drei Gehilfen bereit. (...) Die Verurteilte, die ruhig und gefasst war, ließ sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät legen, worauf der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeil ausführte und sodann meldete, dass das Urteil vollstreckt sei. Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 7 Sekunden.“

Emmy Zehden hinterließ mehrere Abschiedsbriefe. An ihren Pflegesohn Horst Schmidt schrieb sie: „Mein lieber Bub! Leider, leider habe ich von Dir so lange nichts gehört. Ich hoffe, dass Gretchen Deine Adresse ausfindig macht, um Dir meine letzten Grüße zu schicken. Sieben Monate habe ich auf mein Gnadengesuch gewartet. Da es nun Gottes Wunsch ist, will ich den Weg gehen, so wie ihn Jesus Christus ging. Sei nicht traurig mein Jungchen. Wir werden uns bald wiedersehen. Vor allen Dingen bleibe auch Du tapfer; denn Gottes Gericht ist gerecht. Nur durch viel Trübsal kann man ins Himmelreich eingehen. An Pappi konnte ich nun nicht schreiben. Noch so viel Liebes möchte ich Dir schreiben; aber keine Zeit mehr. Also auf Wiedersehen mein Jungchen. Was Gott tut, das ist wohl getan. Tausend Grüße und Küsse von dieser Erde[,] Deine Mutti“

Ihre wenigen Habseligkeiten vermachte Emmy Zehden Margarete Liebold, der Mutter des von ihr versteckten und hingerichteten Kriegsdienstverweigerers Gerhard Liebold. Am 30. November 1944 stand Horst Schmidt selbst vor dem Volksgerichtshof. Erst in der Verhandlung erfuhr er vom Tod Emmy Zehdens. Auch er wurde zum Tode verurteilt.

(Schmidt: Der Tod; Gedenkstätte Deutscher Widerstand: für immer ehrlos , S. 22–32; Tuchel/Albert: Widerstand als Reaktion auf Krieg, S. 35.)

Gedenkzeichen

Am 1. Januar 1992 wurde in Berlin-Charlottenburg der Verbindungsstraße zwischen Hüttigpfad und Saatwinkler Damm der Name Emmy-Zehden-Weg verliehen. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee, dem Ort, an dem Emmy Zehden am 9. Juni 1944 durch das Fallbeil ermordet wurde.

Am 30. November 2005 benannte ihre Geburtsstadt Lübbecke eine Straße in Emmy-Zehden-Weg.

An ihrem früheren Wohnort, der Franzstraße 32 in Berlin-Wilhelmstadt, wurden am 10. Oktober 2011 drei Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Emmy Zehden, Richard Zehden und Horst Schmidt.

In der aktuellen Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand wird im Themenbereich 18 „Widerstand im Kriegsalltag“ auch auf Emmy Zehden hingewiesen. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Dauerausstellung Themenkatalog 18, S. 14, 16, 17, 19, 22, 23.)

In der Dauerausstellung der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee werden die Ablehnung des Gnadengesuchs Emmy Zehdens sowie die Dokumentation der Vollstreckung ausgestellt. (Gedenkstätte Plötzensee/Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Hinrichtungen, S. 34–37.)

Auf dem Gelände des ehemaligen Geheimen Staatspolizeiamts Berlin befindet sich heute das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors. In der Open Air Ausstellung „Berlin 1933–1945“ sind auch Fotos und Dokumente zum Schicksal von Emmy Zehden zu finden.

An Emmy Zehden wurde in der 2014 im Zweigbüro Zentraleuropa von Jehovas Zeugen in Selters (Taunus) eröffneten Dauerausstellung „Kennst du Jehovas Volk in Zentraleuropa?“ erinnert.

Besonderheiten

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth würdigte u. a. den Widerstand von Emmy Zehden und erwähnte ihre Hinrichtung als Bibelforscherin wegen Wehrkraftzersetzung in seiner Dankesrede zur Verleihung des Basler Kunstpreises 1976. (Hochhuth: Tell 38, S. 44.)

Externe Medien

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