Mittelbau-Dora, Konzentrationslager
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Adresse
Arbeitslager Dora, Außenlager des KZ Buchenwald (1943–1944)
Konzentrationslager Mittelbau (1944–1945)
Displaced Persons Camp Dora (1945–1946)
Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora (1964–1989)
KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora (seit 1995)
Nordhausen, Kohnsteinweg 20, Deutschland
Informationen zum Ort
Nach Kriegsbeginn wurden zunehmend Kriegsgefangene aus den eroberten Ostgebieten als Zwangsarbeiter nach Nordhausen gebracht. Nach der britischen Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde im August 1943, sollte die bisher dort erfolgte Produktion der „Vergeltungswaffe V2“ in die Stollenanlage im 335 Meter hohen Kohnstein bei Nordhausen verlegt werden, wo die Wehrmacht ein unterirdisches Treibstofflager betrieb.
Am 28. August 1943 trafen die ersten 107 KZ-Häftlinge am Kohnstein ein. Das „Arbeitslager Dora“ unterstand als Außenlager zunächst dem KZ Buchenwald, aus dem ständig weitere Häftlinge eintrafen, so dass zum Jahresende bereits 10.500 Männer bei Bauarbeiten im Kohnstein Schwerstarbeit verrichteten. Die meist aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich stammenden Häftlinge mussten das vorhandene Stollensystem ausbauen, so dass schließlich zwei parallele 1.800 Meter lange, 30 Meter hohe Fahrstollen mit Bahnschienen mit 46 quer verlaufenden Tunneln verbunden waren, in denen die Mittelwerk GmbH zunächst die „V2“ und später auch die „V1“ produzierte. Die Häftlinge wurden in den vier Querkammern 43 bis 46 des leiterförmigen Stollensystems untergebracht und sahen monatelang kein Sonnenlicht. In den unterirdischen, unbeheizten Schlafstollen standen vierstöckige Pritschen und halbierte Ölfässer als Latrinen den Häftlingen zur Verfügung. Fast 3.000 Häftlinge starben in den ersten Monaten an den Strapazen.
Ab Januar 1944 wurden am Nordhang des Kohnstein oberhalb des Appellplatzes 56 Unterkunftsbaracken errichtet, in denen jeweils bis zu 500 Personen unterkamen. Bis Mai 1944 waren die Schlafstollen geräumt worden. 1944 entstand auch ein Krematorium, in dem bis Kriegsende 5.000 Leichen verbrannt wurden. Am 28. Oktober 1944 wurde das bisherige Außenlager Dora vom KZ Buchenwald unabhängig und erhielt in Anlehnung an das Rüstungsunternehmen Mittelwerk GmbH den Namen KZ Mittelbau.
Nach und nach richteten weitere Betriebe, wie der Junkers-Konzern, im Südharz unterirdische Produktionsbetriebe ein, was zur Entstehung der insgesamt 40 Außenlager führte, in denen im Frühling 1945 insgesamt 40.000 Menschen arbeiteten. Auch die 1942 eingerichtete mobile SS-Baubrigade I, die Einsätze im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten Westeuropas verrichten musste, unterstand ab Oktober 1944 dem nun selbständigen KZ Mittelbau. Diese war bereits seit dem 9. September 1944 beim Kalischacht Neusollstedt tätig, der als Außenlager Rehungen nun ebenfalls dem neuen KZ Mittelbau unterstand. Die SS-Baubrigade I bestand im Oktober 1944 noch aus 441 männlichen Häftlingen, darunter 49 Zeugen Jehovas.
Zwar übernahm das KZ Sachsenhausen am 15. Januar 1945 die Zuständigkeit der SS-Baubrigade I, wie auch weiterer Baubrigaden, die in verschiedenen Außenlagern des KZ Mittelbau eingesetzt waren, doch blieb die SS-Baubrigade I im KZ-Außenlager Rehungen stationiert, dass auch weiterhin dem KZ Mittelbau unterstand. Als sich die US-Truppen dem Lager näherten, wurde die SS-Baubrigade I in einem am 7. April 1945 beginnenden Räumungstransport über Berlin, Prag und dem KZ Mauthausen in das KZ-Außenlager Steyr-Münichholz gebracht, wo sie am 5. Mai 1945 von der amerikanischen Armee befreit wurden. Alle 49 Zeugen Jehovas überlebten diesen Todesmarsch.
Vor der anrückenden Roten Armee begann ab Januar 1945 die Räumung der KZs Auschwitz und Groß-Rosen. Dadurch gelangten weitere 16.000 Häftlinge in das KZ Mittelbau. Henryk Dornik kam mit einer Gruppe von mehr als zehn meist polnischen Zeugen Jehovas nach einer zehntägigen Evakuierungsfahrt aus Groß-Rosen, bei der sich 150 bis 200 Männer in Kohlewaggons ohne Nahrung transportiert wurden, im KZ Mittelbau an. Aus der Gruppe starb Antoni Trzcionkowski kurz darauf an Blutruhr, während Gustaw Baumert und Jan Bujok Anfang April durch alliierte Bombenangriffe ums Leben kamen. Auch eine Gruppe von 26 Zeuginnen Jehovas, die aus dem KZ Ausschwitz evakuiert worden waren, wurde am 4. März 1945 aus Bergen-Belsen nach Mittelbau überstellt, um dort Arbeiten in den SS-Unterkünften auszuführen. Die Frauen - unten ihnen Elsa Abt - wurden am 5. April auf einen Todesmarsch in Richtung Neuengamme getrieben und sechs Tage später unterwegs befreit.
Die meisten Außenlager des KZ Mittelbau wurden Anfang April 1945 geräumt und die Häftlinge in Viehwaggons oder auf Todesmärschen Richtung Bergen-Belsen, Sachsenhausen und Ravensbrück geschickt. Bei Gardelegen wurden am 13. April mehr als 1.000 Häftlinge in einer angezündeten Feldscheune ermordet. Insgesamt starben bis zu 8.000 Menschen auf den Räumungstransporten. Die zurückgelassenen kranken Häftlinge im Lager Dora wurden am 11. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Insgesamt befanden sich in den 19 Monaten des Bestehens etwa 60.000 Häftlinge im Lagerkomplex Mittelbau-Dora, von denen über ein Drittel nicht überlebte.
Ab Mai 1945 kam es an gleicher Stelle zur Einrichtung des Displaced Persons Camp Dora. Nach der Übergabe Thüringens durch die US-Armee an die sowjetische Militäradministration im Juli 1945 wurde das nun „Repatriierungslager“ genannte Camp im Oktober 1945 aufgelöst und die Stadt Nordhausen errichtete von Januar bis August 1946 ein Lager für deutsche Vertriebene überwiegend aus der Tschechoslowakei ein, die nach kurzer Zeit auf die umliegenden Gemeinden verteilt wurden. Fast alle Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers wurden demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut, um die Wohnungsnot in Nordhausen zu lindern. Nachdem zunächst Amerikaner und später Sowjets die Produktionsanlagen und Raketenbauteile abtransportiert hatten, ließ die sowjetische Besatzungsadministration die Stolleneingänge 1947/48 sprengen. Viele verantwortliche deutsche Ingenieure der Raketenproduktion arbeiteten im Kalten.
(Endlich/Goldenbogen/Herleman/Kahl/Scheer: Gedenkstätten, Bd. 2, S. 859–866; Wagner: Auschwitz im Harz; Abt: Zusammen; Hermann: Hinter Stacheldraht, S. 114 f., 123, 126, 129, 133 f., 144, 150 f., 158–160, 167–169, 173–182, 188; Wontor-Cichy: Für den Glauben in Haft, S. 50–52, 56–61, 69 f., 72; Dornik: Gerettet, S. 77–99; Nerlich: Und plötzlich, S. 223 ff.; Piersma: Ihrem Glauben treu, S. 477 f.)
Widerstand und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus
Der Zeuge Jehovas Henryk Dornik berichtet vom Bekenntnis eines seiner Glaubensbrüder in Mettelbau-Dora. Kurz vor Kriegsende fragte ein SS-Rapportführer Gustaw Baumert: „Bist du immer noch ein Bibelforscher?“, worauf dieser verneinte. „Nein? Bist du keiner mehr? Was bist du jetzt also?“ Gustaw Baumert antwortete: „Jetzt bin ich ein Zeuge Jehovas!“. Der SS-Mann sagte daraufhin: „Wo ist jetzt euer Jehova? Warum rettet er euch nicht? Ihr alle werdet hier sterben.“
Wenige Tage später wurde das Lager von alliierten Fliegern bombardiert. Eine Bombe schlug direkt neben Henryk Dornik ein und er wurde verschüttet. Sein Glaubensbruder Fritz Uhlig begann unter Lebensgefahr im Bombenhagel damit, ihn auszugraben und rettete ihm dadurch das Leben.
(Dornik: Gerettet, S. 79, 84, 87.)
Verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Frauen
- Elsa Abt, geb. Kraemer
- Auguste Aschmutat
- Martha Baseler
- Dora Birnbaum, geb. Kluge
- Hilde Bräuer
- Helene Cienciala
- Wanda Darsow
- Martha Friedrich, geb. Jakobsen
- Janeta (Zanetta) Gelbhardt
- Irene Idkowiak
- Alma Jakobi, geb. Schiefer
- Kazimiera Jankowiak
- Annette Lubinus
- Maria Moser, geb. Viertlbauer
- Barbara Nahodil
- Benigna Piechocka
- Luise Regenfelder
- Johanna Roszyk
- Auguste Schneider
- Helene Schnitger
- Martha Schröder
- Else Streich
- Charlotte Tetzner, geb. Decker
- Else Thalheimer
- Marie Wantulok
- Josefine Weinen
Männer
- Henryk Dornik
Gedenkzeichen
Mit der Enthüllung einer Plastik wurde im August 1964 in der DDR die Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora gegründet. Zwei Jahre später eröffnete im ehemaligen Krematorium eine Ausstellung. 1974 errichtete man auf dem ehemaligen Appellplatz eine Bogenmauer mit Rednertribüne und Flammenschale, die noch heute das Bild des Platzes prägen. 1995 folgte die Eröffnung der historischen Stollenanlage, nachdem ein neuer Zugangsstollen die 1945 gesprengten Eingänge ersetzte.
2006 wurde schließlich eine neue Dauerausstellung in dem im Vorjahr erbautem Museumsgebäude eröffnet. Auf Schautafeln werden darin auch verschiedenen Häftlingsgruppen vorgestellt. Stellvertretend für Jehovas Zeugen findet man dort die Biografie sowie Fotos und Dokumente von Dora Birnbaum, die auf dem Todesmarsch von Ausschwitz nach KZ Mittelbau gelangte. Dora Birnbaum wurde in der DDR erneut verfolgt.
Von den ursprünglichen Gebäuden stehen auf dem Gelände der Gedenkstätte heute noch das Krematorium und die Feuerwache. Darüber hinaus wurde ein mit den ursprünglichen KZ-Baracken baugleiches Gebäude aus einem Außenlager hergebracht und die historische KZ-Tischlerei an ihren ursprünglichen Platz zurück versetzt. Die Stollenanlage kann zweimal täglich im Rahmen einer Führung besichtigt werden.
(Endlich/Goldenbogen/Herleman/Kahl/Scheer: Gedenkstätten, Bd. 2, S. 859–866; Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora, S. 83 f.)