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Gedenken und Erinnern – Stolpersteine
Eine Besonderheit des STOLPERSTEIN-Projektes ist die Initiierung des Gedenkens durch die Zivilgesellschaft. Dies bietet die Möglichkeit, dass beispielsweise in einer Stadt nicht Mahnmale für einzelne Opfergruppen angeregt werden mussten und müssen, sondern durch die Reduzierung auf einzelne Personen war und ist es möglich, auch Opfergruppen mit einzubeziehen, die ansonsten in der Peripherie der Gedenktopografie verblieben wären. Entweder weil sie summarisch und anonym in allgemeinen Inschriften wie etwa „Den Opfern“ ‚versteckt‘ worden wären oder sie wären gänzlich außen vorgelassen worden, weil in der Stadt nur wenige Opfer nachweisbar sind und daher ein eigenständiges Mahnmal für diese Opfergruppe nicht angemessen erschienen wäre.
Die Stolpersteine sind für die Gedenkkultur an die NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas von herausragender Bedeutung. So sind sie die einzige Opfergruppe, die direkt auf den Stolpersteinen des Bildhauers Gunter Demnig genannt werden. Der Künstler nennt z.B. die größte Opfergruppe, die Juden, nicht direkt, sondern umschreibt diese Opfergruppe über den stichwortartig angegebenen Verfolgungsweg. Ähnliches gilt auch für andere Opfergruppen, etwa den Opfern der Krankenmorde oder der politisch Verfolgten. Außerdem gehören die Stolpersteine für die Zeugen Jehovas zugleich mit zu den ältesten Stolpersteinen. Die ersten legalen Verlegungen erfolgten für die Brüder Johann und Matthias Nobis am 19. Juli 1997 in Österreich.
Die ersten Stolpersteine für Zeugen Jehovas in Deutschland wurden am 7. Mai 2002 in Leverkusen (NRW) für Karl Ohm in der Auestraße 12 und Friedrich Schütters in der Feldstraße 15 verlegt. Die Inschrift des Stolpersteins für Karl Ohm lautet:
HIER WOHNTE
KARL OHM
JG. 1890
GESTAPOHAFT
1937 ÜBERFÜHRT NACH:
KZ BUCHENWALD
SCHICKSAL
???
Zehn Tage später folgte am 17. Mai 2002 ein Stolperstein für Friedrich Brosius in Wermelskirchen in der Wielstraße 16.
Es fällt auf, dass im Gegensatz zu den Stolpersteinen in Österreich, in Leverkusen und Wermelskirchen keine Nennung der Opfergruppe zu finden ist. Die gleiche Feststellung gilt für Stolpersteine in Freiburg, für Alfred Bostelmann in Bremen-Neustadt, Kantstraße 42 (am 13. Juni 2006 verlegt) und auch für Emma Kübler in (am 22. August 2008 verlegt). Zudem hatten beide Zeugen Jehovas in Leverkusen überlebt. Zu diesem frühen Zeitpunkt wurden eigentlich für Überlebende keine Stolpersteine verlegt. Diese Erkenntnis brachten erst spätere Forschungen zutage.
Der vorläufig früheste Nachweis einer Nennung der Opfergruppe auf den Stolpersteinen in Deutschland ist der für Elly Fey in Köln in der Wilhelmstraße 85. Er wurde am 4. Oktober 2004 verlegt.
Weitere Verlegungen mit der frühen Nennung der Opfergruppe auf den Stolpersteinen sind 2006 in Bottrop für Robert Mokry in der Scharnhölzstraße 258 (4. September 2006) oder 2007 für Otto Laabs in Berlin-Tempelhof, in der Hoeppnerstraße 4, (am 11. Dezember 2007 verlegt) bekannt.
In Essen wurden 2006 Stolpersteine mit und ohne Nennung der Opfergruppe verlegt: Für Anton Cretnik, Alte Bottroper Straße 82, am 24. Januar 2006 mit Nennung und drei Monate später für Theodor Hölter, Altendorfer Straße 554, am 13. April 2006 ohne Nennung der Opfergruppe.
Ebenfalls 2006 wurden die ersten Stolpersteine in Ostdeutschland für Zeugen Jehovas verlegt: in Halle/Saale am 4. April 2006 für Ernst Stößel, Alfred Willi Tilke und Hermann August Wollschläger, in Frankfurt/Oder am 8. Mai 2006, in Hennigsdorf am 11. Mai 2006 und in Leipzig am 23. September 2006. Auf keinem dieser Stolpersteine wurde die Opfergruppe genannt, mit Ausnahme des Stolpersteins für Hermann August Wollschläger. Dieser Stolperstein ist somit zugleich der erste Stolperstein, auf dem die Opfergruppe der Zeugen Jehovas in Ostdeutschland erwähnt wurde. Die generelle Nennung erfolgte erst bei späteren Verlegungen.
Aber selbst 2025 wurden noch Stolpersteine ohne Nennung der Opfergruppe verlegt z. B. in Hamburg, Pforzheim, Berlin und Detmold. Die Hauptgründe für diese unterschiedliche Handhabung können sowohl unterschiedliche Initiatoren (also Nicht-Zeugen Jehovas und Zeugen Jehovas), Vorgaben der Stadt (keine Opfergruppennennung zugelassen) oder Unkenntnis des Künstlers (so ist es durchaus denkbar, dass Gunter Demnig nicht wusste, welcher Opfergruppe die Person angehörte) sein.
Die frühen Stolpersteine wurden zumeist ohne Nennung der Opfergruppe verlegt, die späteren dagegen mit. Hierin spiegeln sich ebenso die unterschiedlichen Initiatoren wider. Die ersten Stolpersteine für Zeugen Jehovas wurde von Nicht-Zeugen Jehovas initiiert. Für die späteren Verlegungen lässt sich konstatieren, dass sie überwiegend auf initiierende Zeugen-Jehovas-Gemeinden vor Ort oder sehr oft auf Einzelpersonen zurückzuführen sind.
Bislang wurden über 500 Stolpersteine in Deutschland (458), Österreich (38), vier Stolpersteine in den Niederlanden (in Tiel, Deventer, Enschede und Hengelo) (Stand: Mai 2026) und zwei in Tschechien (Stand März 2026) verlegt.
Der 450. und 451. Stolperstein (in Deutschland und Österreich) wurde am 6. Mai 2025 für das Ehepaar Walter und Helene Hempel in Dresden auf der Grünfläche gegenüber der Schäferstraße 16 verlegt. Das Besondere an diesem Stolperstein ist, dass Hempel ein Doppelverfolgter war (d.h. verfolgt sowohl im Nationalsozialismus als auch im Kommunismus).
Der 500. Stolperstein wurde am 19. Mai 2026 in Ueckermünde für Martha Gehrke verlegt. Nach einer ersten Verhaftung 1936 wurde sie im April 1937 erneut verhaftet und erhielt eine Gefängnisstrafe. Nach der Verbüßung wurde sie in die Frauenkonzentrationslager (FKL) Lichtenburg und Ravensbrück überstellt. In letzterem erhielt sie die Häftlingsnummer 183, woran zu erkennen ist, dass sie zu den ersten Häftlingen dieses FKL gehörte. Martha Gehrke überlebte floh aber 1950 nach Westberlin als die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR einsetzte. In gewisser Weise ist dieser Stolperstein demnach für eine „doppelverfolgte“ Zeugin Jehovas.
Der vermutlich erste Stolperstein für eine Zeugin Jehovas wurde am 15. Juli 2003 in Freiburg-Zähringen, Gundelfingerstraße 47, für Elisabeth Emter verlegt. Auf dem Stolperstein findet sich jedoch kein Hinweis auf die Opfergruppe.
Der vermutlich erste Stolperstein für einen Kriegsdienstverweigerer in Deutschland wurde für Christian Vogel in Brackwede in der Hauptstraße 193 am 10. Mai 2005 verlegt. Auf dem Stolperstein findet sich jedoch kein Hinweis auf die Opfergruppe. Die Inschrift lautet:
HIER WOHNTE
CHRISTIAN VOGEL
JG. 1902
HINGERICHTET AM 24.5.1941
KZ BRANDENBURG
VERWEIGERTE DEN
KRIEGSDIENST
Einige weitere Besonderheiten sind, dass z.B. in Frankfurt am Main die meisten Stolpersteine verlegt wurden, die an Zeugen Jehovas erinnern, und nicht in Berlin, der Stadt, in der die meisten Stolpersteine weltweit liegen. Fast die Hälfte aller für Zeugen Jehovas verlegten Stolpersteine in Frankfurt am Main erinnern an Frauen (Zeuginnen Jehovas) und verweisen so darauf, dass die Zeuginnen Jehovas innerhalb der Verfolgungsgeschichte dieser Opfergruppe eine besondere Rolle einnahmen. Bis zum Kriegsausbruch 1939 stellten sie in den Frauenkonzentrationslagern die größte Häftlingsgruppe. Des Weiteren liegen sehr viele Stolpersteine für Kriegsdienstverweigerer. In Österreich sind es über 50% aller für Zeugen Jehovas verlegten Stolpersteine. In Deutschland sind es mindestens 20% aller für Zeugen Jehovas verlegten Stolpersteine.
Die meisten Stolpersteine für Zeugen Jehovas wurden in Nordrhein-Westfalen verlegt. Es folgen Baden-Württemberg (Hauptort Konstanz) und Hessen (Hauptort Frankfurt a. M.). In Ostdeutschland liegen die meisten Stolpersteine in Sachsen (Hauptort Dresden).
Auch die Stolpersteine für Zeugen Jehovas sind von Schändungen betroffen. Am 7. Oktober 2008 wurde der Stolperstein für Amelie Jordt in Cemnitz geschändet. Und am 1. April 2015 neun Stolpersteine auf Rügen (Sassnitz).
Vermutlich dürfte die größte Besucherzahl bei einer Stolpersteinverlegung auch auf eine Verlegung für Zeugen Jehovas zurückgehen. Am 20. Januar 2007 wurden in Köln-Müngersdorf in Belvederstraße 147 Stolpersteine für das Ehepaar Klara und Friedrich Stoffels verlegt. Circa 1.200 Menschen verfolgten diese Verlegung.
Am 5. Juni 2025 wurde vor dem Eingang zur Justizvollzugsanstalt in Bochum in der Krümmende 3 die erste sogenannte Stolperschwelle des Künstlers Gunter Demnig verlegt, auf der die Opfergruppe der Zeugen Jehovas erwähnt wird. Die Inschrift lautet:
„KRÜMMEDE 1933 – 1945
MEHR ALS 2000 POLITISCH VERFOLGTE MENSCHEN INHAFTIERT
ANGEHÖRIGE DES WIDERSTANDES AUS FRANKREICH, BELGIEN UND ANDEREN BESETZTEN LÄNDERN WESTEUROPAS
MITGLIEDER VERBOTENER PARTEIEN
CHRISTLICHE REGIMEGEGNER
HOMOSEXUELLE
ZEUGEN JEHOVAS
VIELE VERSTERBEN AN DEN HAFTBEDINGUNGEN ODER WERDEN IN HINRICHTUNGSSTÄTTEN DER NS-JUSTIZ GETÖTET“
Am 19. Mai 2026 wurde in Tübingen an der Lustnauer Mühle in der Äulestraße 4 die erste Stolperschwelle verlegt, die ausschließlich an verfolgte Zeugen Jehovas erinnert. Der Text lautet:
„LUSTAUNER MÜHLE
1933–1945
ORT KONSPIRATIVER TREFFEN DER VON DEN NATIONALSOZIALISTEN
VERBOTENEN, VERFOLGTEN UND ERMORDETEN
ZEUGEN JEHOVAS“
Gegenwärtig (Mai 2026) ist ein Ende der Stolpersteinverlegungen für Zeugen Jehovas nicht absehbar.
Hans Hesse, 2026
Literaturhinweis
Hesse, Hans: Stolpersteine. Idee.Künstler.Geschichte.Wirkung, Essen 2017.