Anna Denz Turpin, geb. Denz
- Vorname(n)
- Anna
- Geburtsname
- Denz
- Nachname
- Denz Turpin
- Geburtsdatum
- 25. März 1923
- Geburtsort
- Lörrach, Deutschland
- Todesdatum
- 2013
- Todesort
- Bundesstaat Kentucky, USA
- Beruf
- Bürolehre im Eisenwarengeschäft Heimsch
- Erstkontakt und/oder Taufe
- Kontakt mit Bibelforschern seit frühester Kindheit durch die Eltern, Taufe als Zeugin Jehovas 1938
Biographische Orte
Die Karte zeigt Orte, die mit der Person dieses Beitrages verknüpft sind.
Wohnort(e)
Widerstand und Verfolgung von Familienangehörigen im Nationalsozialismus
- Oskar Denz (Vater)
- Anna-Maria Denz, geb. Dillmann (Mutter)
Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus
Nach dem Verbot der Bibelforscher-Vereinigung am 15. Mai 1933 in Baden besuchte die damals zehnjährige Anna Denz zusammen mit ihren Eltern die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas im schweizerischen Basel. Als sie ihrem Vater eines Tages erzählte, das der Lehrer an der Hebelschule in Lörrach in der Klasse den Hitlergruß eingeführt hatte, sagte Oskar Denz: „‚Heil‘ bedeutet Rettung. Wenn wir ‚Heil Hitler‘ sagen, würde das heißen, dass wir ihm Rettung zuschreiben statt Jehova. Ich denke nicht, dass das richtig ist, aber du musst selbst entscheiden, was du tust.“ Darauf beschloss Anna Denz in der Schule den Hitlergruß zu verweigern, was dazu führte, dass sie ausgegrenzt wurde. Die Jungen verprügelten sie und die Eltern ihrer Freundinnen verboten, mit ihr zu spielen. Als 1936 der Eintritt in den BDM zur Pflicht wurde, verweigerte Anna Denz auch dies - als einzige von 45 Schülerinnen. Der Widerstand wurde so stark, dass sie sich entschloss die Schule vorzeitig zu verlassen. Im Alter von 14 Jahren begann sie eine Lehre bei der Eisenwarenhandlung Heimsch in Lörrach.
Nachdem der Literaturschmuggel aus der Schweiz nach Deutschland durch die Familie Denz den Grenzbehörden fast vier Jahre lang nicht aufgefallen war, erfuhr die Familie bei einem Besuch am 2. Februar 1938 in Bettingen, dass ein anderes Ehepaar, das ebenfalls Kurierdienste durchgeführt hatte, von der Gestapo verhaftet worden war. Darauf entschlossen sie sich bei ihrer Rückkehr noch einmal mehr Literatur als gewöhnlich mitzubringen. Oskar Denz steckte sich 39 Exemplare des Wachtturm in seine Kleidung. Seine Frau und auch Anna Denz schmuggelten zusammen weitere 28 Exemplare. Einem Zöllner am Grenzübergang fiel die ausgebeulte Manteltasche von Oskar Denz auf, worauf er ihn durchsuchte und die Zeitschriften sowie einige Jahrbücher 1938 fand. Die Gestapo brachte die Familie zum Bezirksgefängnis Lörrach. Auf dem Weg konnte Oskar Denz seiner vierzehnjährigen Tochter noch zuflüstern: „Verrat nur ja niemanden!“ „Das werde ich nicht tun“, antwortete Anna Denz. Sie sah ihren Vater an diesem Tag zum letzten Mal.
Stundenlang wurde Anna Denz von vier Gestapobeamten verhört, die ihr drohten, sie werde ins Gefängnis gesperrt und mit 16 Jahren in ein Konzentrationslager kommen. Sie spielte die Unwissende so erfolgreich, dass die Gestapo sie nach weiteren Verhören am Folgetag zunächst freiließ, nachdem sie die Nacht in einem Kinderheim verbracht hatte. Zuvor durchsuchte die Gestapo in ihrer und ihrer Mutter Anwesenheit die Wohnung der Familie. Dabei fand sie über 500 Exemplare der verbotenen Schriften. Das Versteck in einem Hohlraum der Zimmerdecke mit über 100 weiteren Büchern und Broschüren fand sie jedoch nicht. Dieses wurde erst im August 2025 bei der Kernsanierung des Hauses durch eine Baufirma entdeckt. In einem unbeobachteten Augenblick gelang es Anna Denz, einen Zettel mit Adressen von Glaubensgeschwistern zu vernichten, bevor die Gestapo ihn finden konnte. Während ihre Mutter zurück in das Bezirksgefängnis Lörrach gebracht wurde, brachte die Gestapo Anna zu ihrer Tante, von der sie nicht wussten, dass sie ebenfalls eine Zeugin Jehovas war. Die Gestapo hoffte über Anna Denz weitere Zeugen Jehovas zu finden und beschattete sie. Ein Polizeiauto stand vor der Tür und ein weiterer Polizist patrouillierte zu Fuß.
Von ihrem Arbeitsplatz aus gelang es Anna Denz eine Postkarte an Stuttgarter Zeugen Jehovas zu senden, um sie zu warnen, nicht mehr zu ihnen zu kommen, um Literatur abzuholen. Auf geheimen Wegen informierten diese das Bibelhaus in Bern. Annas Eltern hatten für den Fall ihrer Verhaftung vorgesorgt. Mit Julius Riffel war vereinbart worden, dass ein Fluchthelfer sie in die Schweiz bringen sollte. Heinrich Reiff übernahm die gefährliche Aufgabe. In einem unbeobachteten Augenblick am 8. Februars 1938 traf Anna Denz ihn bei einer befreundeten Familie. Er gab ihr 30 Minuten Zeit, sich auf die Flucht vorzubereiten und wählte den Weg durch ein Waldstück beim Ort Riehen. Kaum hatten sie Schweizer Boden erreicht, wurden sie von einem Schweizer Grenzwächter aufgegriffen und zurückgesandt. Doch ein zweiter Anlauf am gleichen Tag in der Nähe des Ortes Chrischona gelang.
Anna Denz fand bei einer Familie von Zeugen Jehovas in Riehen für einige Wochen Unterkunft, bis sie eine Toleranzbewilligung zum Aufenthalt von der Fremdenpolizei Schaffhausen erhielt. Kurz darauf wurde sie im Bibelhaus in Bern aufgenommen, wo sie ein Jahr blieb und sich in der Küche nützlich machte. Martin Harbeck, der Leiter des Bibelhauses, hinterlegte für sie eine Kaution von 2.000 Franken und ihre Aufenthaltsgenehmigung wurde wiederholt verlängert. Wenige Monate nach der Flucht, im Sommer 1938, ließ Anna Denz sich als Zeugin Jehovas taufen. Im nächsten Jahr zog sie auf das Landgut Chanelaz sur Cortaillod bei Neuchatel (Schweiz), das Jehovas Zeugen erworben hatten, um geflüchteten Glaubensgeschwistern aus Deutschland Wohnstätte und Arbeit zu bieten, die eine Voraussetzung für eine Aufenthaltsgenehmigung der Schweizer Behörden waren.
Anna Denz kehrte kurz vor Kriegsende in das Bibelhaus Bern zurück und war dort tätig, bis sie eine Ausbildung zur Missionarin in der elften Klasse der Bibelschule Gilead der Zeugen Jehovas im Bundesstaat New York (USA) erhielt, die sie am 1. August 1948 absolvierte. Anschließend war sie bis 1951 als Missionarin in Genf (Schweiz) und in Istanbul (Türkei) tätig. Dort heiratete sie den Missionar James Turpin, gründete mit ihm eine Familie und zog mit ihm nach Kentucky (USA).
(Michel: Ein junges Mädchen; Schwarzwälder Bote, 14.8.2025; Denz Turpin: Geborgen; Brüggemann: Oskar Denz; Watch Tower Society: Ein Fund in Lörrach.)
Gedenkzeichen
Am 1. März 2004 wurde die Straße, in welcher der Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Lörrach im selben Jahr errichtet werden sollte, zum Gedenken an die Familie Denz in Denzstraße benannt. (Trenz: Neue Straße.)
Am 24. September 2020 wurden in der Stadt Lörrach die ersten acht Stolpersteine verlegt. Dazu gehörten auch drei Stolpersteine für Oskar, Anna-Maria und Anna Denz vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie in der Luisenstraße 35. (Gebauer: Das mutige Mädchen.)
Besonderheiten
1980 wurde nach der Auflösung des Haushaltes einer Tante von Anna Denz auf dem Sperrmüll ein Nähkästchen gefunden, das Fotos und Postkarten von Anna Denz sowie Briefe ihrer Eltern, die sie sich gegenseitig aus den Konzentrationslagern geschrieben hatten, enthielt. Die 42 Briefe wurden im Jahr 2000 als Hinterlassenschaft der Familie Denz an Anna Denz Turpin überreicht. (Denz Turpin: Geborgen; Ehrentreich: Verfolgung der Zeugen Jehovas.)